Border

Es war einmal eine etwas sonderbare Zöllnerin, die mit ihrer feinen Nase jeden Schmuggler erschnüffeln konnte, absolut jeden! Weniger perfekt fällt das Privatleben von Tina aus. Bis eines Tages an der gemütlichen Grenzstation jener mysteriöse Vore auftaucht – dessen Duft eine ganz besondere Kraft auf sie ausübt. Das Leben der braven Beamtin wird sich fortan radikal verändern. Etliche Rätsel ihrer wahren Vergangenheit werden gelöst, die Weichen in die Zukunft neu gestellt. In Cannes avancierte das überaus ungewöhnliche, zudem raffiniert konstruierte Fantasy-Drama zum verdienten Festival-Liebling. Wer von üblichen Story-Strickmustern gelangweilt ist, kommt bei dieser surrealen Wundertüte bestens auf seine Kosten: Ein bisschen nordische „X-Men“ für die Arthaus-Leinwand…

Webseite: www.wildbunch-germany.de

Dänemark, Schweden 2018
Regie: Ali Abbasi
Darsteller: Eva Melander, Eero Milonoff, Jörgen Thorsson, Viktor Akerblom, Matti Boustedt
Filmlänge: 108 Minuten
Verleih: Wild Bunch Germany
Kinostart: Herbst/Winter 2018

FILMKRITIK:

„Das Büfett ist für alle Passagiere gedacht!“, empört sich eine Reisende auf der Fähre, als ein gieriger Gast kurzerhand die gesamten Lachs-Häppchen auf seinen Teller kippt. Die Reaktion anderer Menschen hat den wilden Vore freilich noch nie besonders interessiert. Erst als der Sonderling mit Wuschelfrisur und Überbiss bei der Grenzkontrolle zufällig auf Zöllnerin Tina trifft, ändert sich sein Verhalten spontan. Beide würden nach gängigen Schönheitsidealen kaum als attraktiv gelten. Alsbald werden die zwei noch einige weitere Schnittmengen entdecken – der Beginn einer wundersamen Freundschaft!
 
Ein Gen-Defekt sei schuld an ihrem ungewöhnlichen, leicht monströsen Aussehen, klagt Tina. Die Hänseleien in der Schule sind längst verdrängt, mittlerweile arbeitet sie als enorm erfolgreiche Zöllnerin. Mit ihrer feinen Nase kann Tina mit einer hundertprozentigen Trefferquote jeden Schmuggler erschnüffeln. Andere Kriminelle gehen ihr gleichsam als Beifang ins Netz. Selbst Chip-Karten mit illegalen Inhalten spürt die Beamtin mit ihren übernatürlichen Fähigkeiten auf.
 
Weniger perfekt als im Beruf geht es bislang im Privatleben von Tina zu. Ihr Vater dämmert in einem Heim der Demenz entgegen. Ihr lethargischer Mitbewohner nervt mit seinen drei aggressiven Kampfhunden sowie gelegentlicher Zudringlichkeit. Umso größer gerät die Begeisterung für den augenscheinlich seelenverwandten Vore, mit dem Tina nicht nur eine verblüffend ähnliche Narbe und die Vorliebe für Insekten teilt, sondern auch jene fast panische Furcht vor Gewittern.
 
Alsbald zieht der Fremde bei der Zöllnerin ein. Ihr Mitbewohner reagiert wenig begeistert, seine Rottweiler ziehen jaulenden den Schwanz ein. Während Vore unter einem Vorwand bei den Nachbarn und ihrem Neugeborenen vorbeischaut, hilft Tina mit ihrer Spürnase den Kollegen der Polizei bei der Aufklärung eines widerwärtigen Verbrechens.  
 
Vore und Tina, die beiden Außenseiter mit gewissen Fähigkeiten, kommen sich immer näher. Die Euphorie der Zöllnerin wird durch verstörende Entdeckungen jedoch dramatisch getrübt. Während Vore sich seiner Wege trollt und seiner Freundin ein Ultimatum stellt, muss Tina eine schwerwiegende Entscheidung über ihr künftiges Leben treffen…
 
Mit seinem Debüt, dem Horror-Drama „Shelley“, ging der in Dänemark lebende Iraner Ali Abbasi vor zwei Jahren im „Panorama“ an den Berlinale-Start. Mit seinem zweiten Streich avancierte er nun in Cannes zum Festival-Liebling und holte den „Prix Un Certain Regard“. Als Vorlage des surrealen Dramas diente eine Kurzgeschichte des Schweden John Ajvide Lindqvist, dessen Fantasy-Roman „So finster die Nacht“ in seiner Heimat von Tomas Alfredson verfilmt wurde und mit „Let Me In“ von Matt Reeves ein US-Remake bekam.
 
Regisseur Abbasi hat sichtlich seinen Spaß daran, das Publikum mit seiner Wundertüte und überraschenden Wendungen zunächst zu verblüffen. Der Komik folgt der Krimi folgt die Romanze folgt der Horror folgt der Thriller folgt das Drama der existentialistischen Art. Die Puzzlestücke werden sorgsam geschliffen präsentiert – doch wie sie zusammengehören, erschließt sich dem Zuschauer erst langsam. Die Aha- und Wow-Effekte wechseln sich kurzweilig ab. Je schärfer sich das Bild allmählich abzuzeichnen beginnt, desto unheimlicher wirkt es und führt an die titelgebenden „Grenzen“.
 
Das geschickte Jonglieren der Story-Stücke bekommt durch die beiden exzellenten Darsteller eine zusätzliche Wucht. Vier Stunden haben Eva Melander und ihr Partner Eero Milonoff täglich in der Maske verbracht, um die prostethischen Gesichtsmasken anzulegen. Während die eine mit kleinen Bewegungen von Mund und Nase für besondere Effekte sorgt, wirkt der andere mit martialischeren Gesten wie ein wildes Tier.
 
„Ich sehe keinen Sinn im Bösen“ wird Tina einmal sagen. Wie sie das meint? Das sollte man in dieser clever konstruierten, skandinavischen Geisterbahn selbst erleben: Kuckst du noch oder gruselts dich schon?
 
Dieter Oßwald