Borg McEnroe

Die mitreißendsten Sportduelle sind oft jene zwischen Ungleichen, wenn ein Underdog den amtierenden Champion herausfordert oder unterschiedliche Spielphilosophien und Taktiken miteinander konkurrieren. Das liefert dankbaren Stoff für eine mediale Mythenbildung und somit natürlich auch für das Kino. Die Rivalität zwischen dem disziplinierten Niki Lauda und dem draufgängerischen James Hunt verfilmte Ron Howard beispielsweise 2014 mit dem Formel-1-Biopic „Rush“. Auf fast analoge Weise unterscheiden sich die Kontrahenten aus „Borg McEnroe“, nur dass der ruhige Björn Borg und der impulsive John McEnroe auf dem Tennisplatz konkurrieren.

Webseite: www.borgmcenroe.de

Schweden, Dänemark, Finnland 2017
Regie: Janus Metz
Darsteller: Sverrir Gudnason, Shia LaBeouf, Stellan Skarsgård, Tuva Novotny, David Bamber, Robert Emms, Jackson Gann, Leo Borg
Laufzeit: 100 Min.
Verleih: Universum Film
Kinostart: 19. Oktober 2017

FILMKRITIK:

1980. Nach vier Wimbledon-Siegen in Folge will der 24-jährige Schwede Björn Borg (Sverrir Gudnason) ein fünftes Mal beim prestigeträchtigen Tennisturnier triumphieren. Sein Trainer Lennart Bergelin (Stellan Skarsgård) und seine Frau Mariana Simionescu (Tuva Novotny) stehen ihm treu zur Seite, können dem Tennisprofi aber nicht die Angst vor einer Niederlage nehmen. Handfeste Konkurrenz bekommt der entspannt wirkende „Eis-Borg“ mit dem aufbrausenden Newcomer John McEnroe (Shia LaBeouf). Der 20-jährige Hitzkopf aus den USA pöbelt gern Publikum, Linienrichter und Gegner an und will das erhoffte Finalmatch gegen Borg um jeden Preis gewinnen.
 
Die Charaktereigenarten der Tennisspieler skizziert das Skript in Rückblenden zu den sportlichen Anfängen, wobei schnell auf der Hand liegt, dass Borg und McEnroe im Grunde gar nicht so verschieden sind wie es nach außen hin scheint. Mit ihrem unbeherrschten Ehrgeiz fielen beide in ihren Jugendvereinen negativ auf. Durch den Trainer und Mentor Lennart Bergelin lernte Borg die nötige Selbstbeherrschung, während McEnroe diese Entwicklung noch bevorsteht. Im Turnierverlauf ringen die Sportler mit ihren Konflikten, wobei Drehbuchautor Ronnie Sandahl dem Titelverteidiger Borg deutlich mehr Leinwandzeit und dramatisches Potential einräumt. Der ausgelaugte Spitzensportler schliddert in eine handfeste Sinnkrise und riskiert seine tiefen Beziehungen zu Trainer und Frau. Hinter McEnroe steht indes das Klischee vom strengen Vater, der dem Sohn nur im Erfolgsfall Anerkennung vergönnt.
 
Der Plot und die Figurenzeichnung stellen die unterschiedlichen Temperamente und emotionalen Probleme der Kontrahenten sehr überdeutlich heraus. Sport-Kommentatoren und regelmäßig eingeblendete Headlines klären über den aktuellen Turnierstand auf und lassen keine Gelegenheit aus, die Rivalität der scheinbar gegensätzlichen Tennisspieler zu betonen.
 
Die Qualität des Sportdramas liegt in der akkuraten Nachstellung des 1980er Wimbledon-Turniers und dem glücklichen Händchen bei der Besetzung. Ein Vergleich mit Originalmitschnitten zeigt, wie verblüffend detailliert Janus Metz den Schlagabtausch imitiert. Sverrir Gudnason und Shia LaBeouf ähneln den Vorbildern nicht nur äußerlich aufs Haar, sondern ahmen auch die Körpersprache der Athleten nuanciert nach. Und für den legendären Tiebreak am Ende findet Metz einen packenden Montagerhythmus, der einerseits Spannung erzeugt, andererseits aber geschickt kaschiert, dass Gudnason und LaBeouf die Bälle natürlich nicht ganz so professionell schmettern können wie die Weltranglistenersten des Tennissports.
 
Christian Horn