Borgman

So gut kann Böse sein: Das perfide Schauerstück geriet im Vorjahr in Cannes zum Geheimtipp des Wettbewerbs und wurde von Holland ins Oscar-Kandidaten-Rennen geschickt. Die surreale Story ist relativ schlicht, aber ziemlich heftig! Ein ungepflegter Held schleicht sich in das vornehme Haus einer Vorzeigefamilie ein. Dort übernimmt er zunehmend die Kontrolle. Schleust Komplizen ein. Und Leichen pflastern alsbald seinen Weg. Mit visuellem Einfallsreichtum und exzellenten Schauspielern dreht das sarkastische Schauerstück lässig am Spannungsrad und lässt das Publikum auf der Suspense-Streckbank zappeln. Perfekter Pärchenfilm in der Arthaus-Liga.

Webseite: www.borgman-film.de

Niederlande, Belgien, Dänemark 2013
Regie: Alex van Warmerdam
Darsteller: Jan Bijvoet, Hadewych Minis, Alex von Warmedam. Elve Lijbaart, Ariana Schluter
Filmlänge: 113 Minuten
Verleih: Pandastorm Pictures
Kinostart: 2.10.2014

FILMKRITIK:

Bereits der Auftakt verheißt wenig Gutes: Ein aufgebrachtes Trio wütender Männer stürmt mit kläffendem Hund und martialischer Ausrüstung auf ein Erdloch im Wald. Mit spitzen Stangen stochern sie brutal in die unterirdische Behausung. In letzter Minute kann der bärtige Bewohner fliehen. Auf der Flucht warnt er noch die Insassen anderer Höhlen und macht sich auf einer Tankstellen-Toilette etwas frisch. Selbstbewusst klingelt er anschließend im noblen Eigenheim des TV-Produzenten Richard und bittet um Einlass. Der Medienmensch reagiert erst verdutzt, dann zunehmend barsch. Die Situation eskaliert und schließlich fliegen die Fäuste. Kaum ist der Gatte am Abend aus dem Haus, gewährt Ehefrau Marina dem verprügelten Landstreicher aus Mitleid ein warmes Bad und lässt ihn heimlich im Gartenhaus übernachten. Dass der Fremde fortan nachts die drei Kinder in deren Zimmer aufsucht und zwei abgemagerte Hunde durch das Haus schleichen, entgeht der Mama, die stattdessen von Albträumen aufgeschreckt wird, in denen der sonst so nette Ehemann sie brutal verprügelt und missbraucht. 
 
Nach dem erfolgreichen Entern der vornehmen Villa folgt Phase zwei der Invasion des Bösen: Der Fremde will mit Hilfe seiner Komplizen die Stelle des Gärtners ergattern. Dazu muss Borgman sich nicht nur rasieren und adrett herausputzen, auch der bisherige Stelleninhaber samt seiner Gattin sind dem Vorhaben im Weg. Marina und ihre Kinder erweisen sich als verschwiegene Mitwisser als der nichtsahnende Papa just jenen Mann als neuen Gärtner einstellt, den er vor kurzem noch verprügelte.
 
„Ich möchte wissen, wer unter meinem Dach wohnt!“, gibt sich Marina abweisend als das dänische Kindermädchen darum bittet, ihren Freund bei sich übernachten zu lassen. Ihr Misstrauen wäre bei Borgmann etwas besser angelegt, denn der quartiert nicht nur seine Helfershelfer im Gartenhaus ein, sondern übernimmt immer mehr die Kontrolle. Die Dame des Hauses scheint dem mysteriösen Fremden zunehmend zu verfallen, die Kinder folgen ihm brav in ein düsteres Loch und trinken arglos jenes Gebräu, das sie auf gar schreckliche Dinge vorbereitet – die hier natürlich nicht verraten werden. 
 
Während die Eindringlinge den gepflegten Garten alsbald mit schwerem Gerät umpflügen, tun sich in der einstigen Familie-Idylle immer größere Abgründe auf. Erst zum bitterbösen Schluss wird Gras über die gruslige Sache wachsen: im wahrsten Sinne des Wortes…   
 
„Ich wollte ich zeigen, dass das Böse etwas Alltägliches ist, verkörpert in normalen, gewöhnlichen, höflichen Männern und Frauen, die ihren Aufgaben mit Stolz und Vergnügen nachgehen und mit einer skrupellosen Gründlichkeit“, beschreibt Regisseur Alex van Warmerdam seine Absichten und betont ausdrücklich, dass sich sein Werk „mehr Fragen stellt, als er Antworten gibt“. Genau darin liegt der Reiz in dieser perfide grotesken Geisterbahn, bei der die Zuschauer chronisch im Dunkeln tappen und umso mehr erschreckbar sind. Ist Borgman der Teufel höchstpersönlich? Warum passiert die mysteriöse Versuchung der Marina? Was geschieht mit den Kindern? Warum zerfällt die Fassade dieser gutbürgerlichen Familie so schnell? Und: Weshalb sind die Bösen viel sympathischer als die Guten?
 
Nicht nur visuell und schauspielerisch bietet dieses hinterlistige Spektakel mehr als in diesem Genre üblich. Auch die atmosphärische Dichte sowie der gut dosierte schwarze Humor sorgen für Gänsehaut-Faktor der Extraklasse.
 
Dieter Oßwald