Born To Be Blue

Er galt als „James Dean des Jazz“ und „King of the Cool“: Der weiße Trompeter und Sänger Chet Baker. Inbegriff des Hipsters, der nur für die Musik lebt. Doch der Meister des lyrisch-melancholischen Tons kämpfte sein Leben lang gegen Dämonen. Seine Karriere eine Achterbahnfahrt, geprägt von Gefängnisaufenthalten, Ausweisungen, Comebacks und zahllosen Affären. Der ideale Filmstoff. Einen Ausschnitt dieses bewegenden Lebens vom Tiefpunkt zu erneutem Ruhm bringt der kanadische Regisseur und Drehbuchautor Robert Budreau grandios auf die Leinwand. Meisterhaft verkörpert dabei Ethan Hawke mit zurückhaltendem Charme diesen verletzlichen Cowboy aus Oklahoma, den es in die rauchigen Nachtclubs der Großstädte verschlug.

Webseite: www.borntobeblue.de

Kanada, UK, 2016
Regie & Drehbuch: Robert Budreau
Darsteller: Ethan Hawke, Carmen Ejogo, Callum Keith Rennie, Tony Nappo, Stephen McHattie, Janet-Laine Green, Dan Lett, Kedar Brown, Katie Bowland
Länge: 97 Minuten
Verleih: Alamode Film
Kinostart: 8. Juni 2017

FILMKRITIK:

Italien, 1960. Chet Baker (Ethan Hawke) liegt auf dem harten, kalten Boden einer Gefängniszelle. Grund: Seine Drogensucht. Neben ihm seine Trompete, seine Geliebte. Aus dem Schalltrichter kriecht langsam eine große Spinne. Im Delirium erinnert er sich in schwarz-weiß Bildern an seine erfolgreicheren Tage. Seinen Auftritt sechs Jahre davor im legendären New Yorker Jazzclub Birdland. Baker, der „James Dean des Jazz“, war damals die Sensation im Jazz, der weiße Hipster von der Westküste.
 
Saxophon-Ikone Dizzy Gillespie und Ausnahmetrompeter Miles Davis sitzen im Publikum. Als er anschließend Miles nach seiner Meinung fragt, sagt dieser nur: „Süß wie Candy“. Er rät dem sensiblen „King of the Cool“, wieder an den Strand zu gehen und erst noch ein wenig zu leben, damit seine Musik wirkliche Tiefe erreiche. Chet versucht es, wie so viele vor ihm, mit Heroin. Und scheitert in diesem Film im Film.
 
Denn Regisseur Robert Brudeau verblüfft mit raffinierten Rückblenden in Schwarz-Weiß. Sein Einstieg zeigt Chet Baker bei einem Dreh im Studio. Einer, der vielen Rettungsversuche. Diesmal ist es Filmproduzent der ihm dem Anker zuwirft. Sein Leben soll verfilmt werden. Am Set lernt er die junge Schauspielerin Jane Azuka (Carmen Ejogo) kennen und lieben. Doch ein weiterer Schicksalsschlag zerstört erneut jede Hoffnung. Zwei junge Männer, seine früheren Dealer, überfallen ihn. Sie schlagen ihn brutal zusammen.
 
Er verliert seine Zähne. Eine Katastrophe für einen Trompeter, der ohne obere Zahnreihe seinen Ansatz am Mundstück verliert – und damit seinen Ton. Aber Baker gibt nicht auf. Qualvoll bringt er sich das Spielen wieder bei, mit künstlichem Gebiss. Angezogen sitzt er in der Badewanne. Blut läuft ihm aus dem Mund. Schmerzhaft presst er die Töne aus seiner Trompete. Gesicht und Kleider sind bald völlig verschmiert. So findet ihn Jane, die ihn selbstlos unterstützt. Ihre Liebe gibt ihm Halt. Ein Comeback scheint möglich.
 
Mit unglaublicher Intensität verkörpert Charakterdarsteller Ethan Hawke, mit meist straff nach hinten gekämmtem Haar, Accessoires wie Sonnenbrille und lässig schicken Sixties-Anzügen, diesen tragischen und faszinierenden Musiker. Und wenn er die berühmten Songs aus Bakers Repertoire wie „My funny Valentine“ interpretiert, entsteht daraus ein intimes, anrührendes Stück Musik. Berührend ist aber auch die bittersüße Romanze zwischen ihm und Filmpartnerin Carmen Ejogo. Selbst wenn es diese Beziehung in der Realität so nicht gab, zeigt sie exemplarisch welcher Kampf Frauen an seiner Seite erwartete.
 
Nicht umsonst liebkoste er auf Fotos seine Trompete des Öfteren wie eine zerbrechliche Geliebte. Fast wie im hoch gelobten, Oscar überschütteten Nostalgiemusical „La La Land“ geht auch Jane zu fruchtlosen, demütigenden Vorsprechen, um ein Filmstar zu werden. Und für eine Weile schwebt sie zusammen mit Chet in ihrem Wohnwagen am des Pacific vor den Toren Hollywoods ebenso in einer Seifenblase der Glückseligkeit. Trotzdem wirkt hier der Konflikt zwischen künstlerischer Ambition und Romanze weniger naiv und abgehoben nostalgisch.
 
Wie ein Boxer wurde Chet Baker von den Drogen immer wieder ausgeknockt
Am 13. Mai 1988 starb er in Amsterdam. Der 58jährige stürzte aus dem Fenster seines Hotels. Die Ursache seines Todes bleibt bis heute rätselhaft. Rasch gab es Gerüchte und Vermutungen. War er im Rausch aus dem Fenster gefallen? Hatte er versucht, an der Fassade hochzuklettern, weil er seinen Schlüssel vergessen hatte? War es Suizid? Hatte ihn gar jemand heraus gestoßen, im Streit um Geld oder Drogen? Der verletzliche Cowboy aus Oklahoma mit dem zurückhaltenden Charme war immer für eine Geschichte gut.
 
Bereits in den 1980er Jahre drehte Modefotograf Bruce Weber mit „Let's get lost“ einen Dokumentarfilm über sein Leben. Am meisten werden wohl William Claxtons Porträts des jungen Chet Baker die Vorstellung von seiner selbst versunkenen, zarten Musik mitgeprägt haben. Eine zutiefst bewegende, letzte Sternstunde ist das Konzert mit der NDR Bigband und dem Rundfunkorchester Hannover sechs Wochen vor seinem Tod, das beinahe nicht zustande gekommen wäre. Der Pförtner des Funkhauses wollte den Star des Abends nicht herein lassen. Er hielt ihn für einen Obdachlosen.
 
Luitgard Koch