Botero – Geboren in Medellin

Zum 75. Geburtstag des kolumbianischen Künstlers Fernando Botero schenkt ihm Regisseur Peter Schamoni einen Film und 90 Minuten lang freie Bahn für unkritische Selbstdarstellung. Botero erzählt über sich, sein Leben, seine Kunst und über die eine Idee, die er dann jahrzehntelang variierte. So wie Boteros Kunst ist auch dieser Film bunt und üppig und ziemlich naiv, er wird den Fans des Künstlers aber nichtsdestotrotz viel Freude bereiten.

Webseite: www.botero-film.de

Deutschland 2008 – Dokumentation
Regie: Peter Schamoni
Buch: Peter Schamoni
Kamera: Ernst und Konrad Hirsch
Schnitt: Carsten Dilhöfer, Sabine Rottman
Musik: Baden Powell
90 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih:  Concorde
Kinostart: 30. Oktober 2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Wo immer Fernando Boteros Skulpturen zu sehen sind, kommt man an ihnen nicht vorbei. Allein physisch sind die überdimensionierten Körper nicht zu übersehen, zumal sie in den letzten Jahren an elaborierten Stellen der Metropolen der Welt aufgestellt wurden. Egal ob Berlin, Tokio oder Mailand, wo immer Botero seine Skulpturen präsentiert – deren aus oxydierter, dadurch tiefschwarzer Bronze bestehende Oberfläche weithin sichtbar glänzt – bilden sich Menschenmassen, werden Fotos gemacht und üppige Frauenkörper in Kletterobjekte für Kinder umgewandelt. Boteros Kunst verführt ganz offensichtlich zum Anfassen, zum Streichen über die ausladenden Kurven der dargestellten Objekte. Selbst wenn er die Fotos aus dem Foltergefängnis von Abu Ghraib als Vorlage für eine Serie von Gemälden nimmt, haben seine Menschenpyramiden die typischen voluminösen Formen in kräftigen Farben.

Nun ist Botero gewiss nicht der einzige Künstler, der aus einer Idee, die er als junger Künstler hatte, eine große Karriere gemacht hat. So wie Andy Warhol oder Roy Lichtenstein ist Botero ein Vermarktungskünstler, dessen je nach Betrachtungsweise klare oder schlichte Handschrift aus offensichtlichen Gründen die Massen anspricht. Prinzipiell ist Botero somit ein interessantes Sujet für eine Dokumentation, die die Funktionsweisen des Kunstmarktes analysiert und aufzeigt, wie aus offensichtlich naiver Kunst ein Massenphänomen werden kann. (So einfach ist der Stil Boteros, dass es in Kolumbien dutzende von Nachahmern gibt, die Kopien seiner Werke malen, die von den Originalen kaum zu unterscheiden sind.)

Peter Schamoni jedoch ist zu sehr Fan von Botero, als das er sich an einer kritischen Würdigung des Kolumbianers versuchen würde. Über Jahre hat er ihn zu Ausstellungen und Retrospektiven begleitet, die Botero rund um die Welt huldigten, und ihn in seiner Heimat beobachtet. Welch ein Star Botero in Kolumbien ist, wird in einigen Momenten deutlich. Keine fünf Meter kann Botero in Medellin, seiner Heimatstadt, die vor allem als ein Zentrum des Kokainhandels bekannt ist, gehen, ohne von Passanten begrüßt und um ein Autogramm gebeten zu werden.

Worin allerdings die Faszination von Boteros Kunst liegt, versucht der Film nicht zu ergründen. Kunsthistoriker oder Kuratoren kommen nicht zu Wort, die Qualität der Arbeiten wird offenbar vorausgesetzt. So streift der Film durch das enorme Werk, das Botero im Laufe seines Lebens angehäuft hat, setzt einzelne Werkgruppen ins Bild, die den typischen Botero-Stil auf den Stierkampf, das Leben in seiner Heimat oder den jung gestorbenen Sohn anwenden. Und immer wieder die gigantischen Skulpturen, die Botero scheinbar besonders gerne verschenkt. Ob es eine Gemeinde schon mal gewagt hat, ein solches Geschenk dankend abzulehnen? Wer weiß, Peter Schamoni verrät es jedenfalls nicht. Sein Künstlerportrait erreicht diesmal nicht die Qualität von früheren Arbeiten über Max Ernst oder Caspar David Friedrich. Ein Film für Fans, die hier in 90 Minuten mehr Arbeiten Fernando Boteros zu sehen bekommen, als es in jeder Retrospektive möglich wäre.

Michael Meyns

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Nicht allen mag der bolivianische Maler und Bildhauer Fernando Botero bekannt sein, eine Lücke, die dieser Dokumentarfilm von Peter Schamoni glänzend zu füllen vermag.

Seit weit über 50 Jahren malt und modelliert Botero und dies, wie er sagt, absolut jeden Tag. Diese ungeheuere Produktivität führte dazu, dass er Tausende von Werken geschaffen, viele in der ganzen Welt verkauft oder ganz einfach verschenkt hat.

Es gibt kaum ein malerisches Thema, das der Künstler nicht aufgegriffen hätte, ob dies Kopien alter Meister sind oder seine berühmten „dicken Frauen“, ob Naturbilder oder Stillleben, ob Stierkampf oder Ab Ghraib, ob Priester oder Zirkusleute, ob Engel oder Teufel.

Was besonders auffällt: Die zeichnerische Begabung Boteros ist faszinierend.

Man könnte sich über die Dimensionen der gezeichneten oder gemalten menschlichen Körper wundern. Doch Botero sagt, dass die Realität ohnehin schon vorhanden sei, man sie also nicht noch einmal nachbilden müsse. Was zähle seien die Phantasie, die Kreativität und vor allem die Farben, die die Komposition eines Bildes fast von selbst ergäben.

Botero ist bei der Aufstellung seiner Skulpturen zu sehen; beim Malen; beim Erklären seiner Bilder; in den Städten, in denen Ausstellungen seiner Werke gezeigt werden; in der Gießerei, in der seine überdimensionalen Standbilder gefertigt werden; in Städten, denen er die Einrichtung von Museen ermöglichte; beim Spazierengehen in der Natur; bei der Schilderung eines terroristischen Überfalls auf sein Lieblingsatelier.

Peter Schamoni konnte eine Menge Material, Gespräche, Zitate und – von Mario Adorf gesprochene – Kommentare informativ und sinnvoll anordnen. Auch das ist Kreativität. Für ein interessiertes Zielpublikum ist dieser Dokumentarfilm über Fernando Botero jedem Filmkunsttheater und Programmkino sehr zu empfehlen.

Thomas Engel