Boulevard

Robin Williams beweist mit seiner letzten großen Kinorolle sein Gespür für ernste Themen und ein letztes Mal sein großes Talent, auch tragische Figuren mit zerbrechlicher Seele und großer Emotionalität glaubhaft zu verkörpern. In „Boulevard“ spielt er einen 60-jährigen Mann, der alles zu haben scheint: einen gesicherten Job in einer Bank, eine ihn liebende Ehefrau und einen festen Freundeskreis. Dennoch herrscht ihn im eine große Leere und Unzufriedenheit. Was genau ihm fehlt merkt er, als er den attraktiven Stricher Leo kennenlernt.

Webseite: www.pro-fun.de

USA 2014
Regie: Dito Montiel
Drehbuch: Douglas Soesbe
Darsteller: Robin Williams, Kathy Baker, Roberto Aguire, Bob Odenkirk
Länge: 85 Minuten
Verleih: Pro-Fun Media
Kinostart: 21. Januar 2016
 

FILMKRITIK:

Nolan Mack (Robin Williams) lebt ein durchorganisiertes Leben nach festen Regeln. Alle paar Tage besucht er seinen Vater im Pflegeheim, bringt jeden morgen den Tee ans Bett seiner Frau (Kathy Baker) und arbeitet seit über 25 Jahren in der örtlichen Bank. Er ist unauffällig und bei jedem beliebt. Doch irgendetwas scheint dem 60-jähirgen zu fehlen. Eines Nachts fährt er ziellos über den Straßenstrich-Boulevard. Zufällig macht er die Bekanntschaft mit dem jungen Stricher Leo (Roberto Aguire), von dem Nolan sofort angetan ist. Es ist der Beginn einer einseitigen Beziehung, die fortan stets nach dem gleichen Muster abläuft: Nolan zahlt Leo viel Geld, um mit ihm Zeit zu verbringen. Nicht um mit ihm zu schlafen, sondern einfach nur um bei ihm zu sein. Bald schöpft Nolans Frau jedoch Verdacht.

„Boulevard“ ist die letzte Kino-Hauptrolle für Hollywood-Star Robin Williams, der sich wenige Monate nach Drehschluss im Jahr 2014 das Leben nahm. Williams bewies bereits in Filmen wie „One Hour Photo“ (2001) oder „Insomnia“ (2002), dass mehr in ihm steckt als der Faxenmacher vom Dienst. Psychopathen, gescheiterte Existenzen oder – wie in „Boulevard“ – tieftraurige Charaktere auf der Suche nach Glück, verkörperte Williams bis zuletzt glaubhaft. „Boulevard“ wurde vom Drehbuchautor und Regisseur Dito Montiel inszeniert, der zuvor solch unterschiedliche Filme wie den Heist-Thriller „Empire State“ oder das Action-Drama „Fighting“ mit Channing Tatum drehte.

Sieht man von einigen ärgerlichen und unnötigen Klischees sowie Allgemeinplätzen – der Chef ist homophob und der Zuhälter schwerst korrupt und kriminell – ab, ist „Boulevard“ ein nachdrückliches, tieftrauriges Drama geworden, was vor allem Hauptdarsteller Williams zu verdanken ist. Er versteht es blendend, einer gebrochenen, unglücklichen Seele wie Hauptfigur Nolan, durch sein nuancenreiches, intensives Spiel eine große Zerbrechlichkeit und Trauer einzuverleiben. Diese überträgt sich durch seine gedankenverlorenen, freudlos-bedrückten Blicke und die Unsicherheit im Umgang mit anderen Menschen unmittelbar auf den Zuschauer.  Nolans Persönlichkeit ist so zerbrechlich wie feinstes Porzellan, jede Abweichung von der Norm oder Änderungen im festgefahrenen Alltag drohen ihn zu zerbrechen. Und jede noch so kleine Erschütterung könnte sein (ereignisloses) Leben zum Einsturz bringen.

Das merkt man immer wieder an kleinen Gesten und Ängsten im Umgang mit seinen Mitmenschen, etwa wenn Nolan das erste Mal alleine mit Leo im Motelzimmer ist. Nolan ist schüchtern, weiß nicht wie er sich verhalten und was er sagen soll, hat Angst etwas falsch zu machen und verschüttet dann auch noch das Kaffeepulver. Das mag an manchen Stellen etwas überzogen unbeholfen und tollpatschig wirken, aber durch Williams abgeklärtes und besonnenes Spiel, bewahrt Nolan am Ende immer seine Würde und driftet nie ins Lächerliche ab. Durch die sich häufenden Treffen mit Leo, verändert sich Nolan aber im Laufe der Zeit zusehends.

Nicht nur dass er seine Arbeit vernachlässigt und seine Frau nach Stich und Faden belügt: er schenkt Leo ein Handy, damit er ihn stets erreichen kann, hilft ihm immer wieder mit Schulden bei dessen Zuhälter aus und versucht sogar, ihm einen Job zu beschaffen. Hinter all diesen Verhaltensweisen und Taten steht letztlich einzig der tiefsitzende und innige Wunsch, endlich erwiderte Liebe und Zuneigung von einem Mann zu erfahren. Den Mut, sich seine homosexuellen Neigungen einzugestehen, bringt Nolan am Sterbebett des Vaters auf, dort spricht er es zum ersten Mal aus. Am Ende ist Nolan befreit und der Film macht nachhaltig deutlich, dass es niemals zu spät ist für die eigenen Bedürfnisse. Oder, wie es Nolans bester Freund an einer Stelle des Films treffend formuliert: „Es ist nie zu spät, das Leben zu leben, das du willst.“
 
Björn Schneider