Box

Der Boxer Rafael, 19 Jahre alt, ist seinem kriminellen Manager ausgeliefert, der mit ihm die schnelle Kohle machen will. Schauspielerin Cristina, 34 Jahre, steht im Schatten ihres Mannes und ist vom Alltag als Mutter und Ehefrau gelangweilt. In dem zarten Drama „Box“ treffen diese beiden leidenden Seelen aufeinander – und müssen sich bald über ihre Gefühle klar werden. Dem rumänischen Regisseur Florin Șerban gelingt mit „Box“ ein stiller, melancholischer Film über unterdrückte Sehnsüchte und das (Wieder-)erwachen sexueller Lust. Ein gelungener Film, auch dank des mutigen Endes.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland, Rumänien, Frankreich 2015
Regie: Florin Șerban
Drehbuch: Rafael Florea, Florin Șerban, Sorin Leoveanu,
Nicolae Motrogan, Narcis Romulus Dobrin
Darsteller: Hilda Péter
Länge: 94 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 03.11.2016

FILMKRITIK:

Rafael (Rafael Florea) ist 19 Jahre jung und träumt von einer Karriere als Profi-Boxer. Sein krimineller Manager jedoch will mit ihm nur schnelles Geld machen. Die 34-jährige Cristina (Hilda Péter) hat auch einen Traum: endlich die gleiche Anerkennung ihrer beruflichen Leistung als Schauspielerin zu erhalten, wie ihr Mann. Dieser ist der Star des lokalen Schauspiel-Ensembles. Zufällig sieht Rafael Cristina eines Tages und folgt ihr fortan fast täglich. Er ist von ihrer Ausstrahlung angetan und traut sich eines Tages sogar, sie anzusprechen. Es treffen zwei unglückliche Seelen aufeinander, die sich zueinander hingezogen fühlen aber wissen, dass eine Beziehung keine Zukunft hätte.
„Box“ ist der erste Film des rumänischen Regisseurs Florin Șerban seit seiner Premiere als Regisseur vor über sechs Jahren. Sein Debüt „If I want to whistle, I whistle (2010), verhalf ihm damals gleich zu internationaler Berühmtheit. Der Film brachte ihm damals u.a. den Silbernen Bären und den Alfred-Bauer-Preis bei der Berlinale 2010 ein. Noch im gleichen Jahr wurde das Drama als rumänischer Kandidat für den Auslands-Oscar 2011 auserkoren. „Box“, ebenfalls ein Drama, feierte seine Weltpremiere im letzten Jahr auf dem Filmfestival in Toronto.
„Box“ ist ein leiser, stiller Film der schüchternen Blicke, versteckten Gesten sowie heimlichen Wünsche und Bedürfnisse. Viel läuft hier über Gestik und Mimik. In erster Linie  bei den beiden Hauptfiguren, wenn sie sich (zunächst nur von Weitem) sehen, in einem Café auf schüchtern-zurückhaltende Art miteinander Flirten und sich allmählich eine sexuelle Spannung zwischen den so unterschiedlichen Filmfiguren aufbaut. Die intensiven Momente des ersten Wahrnehmens und des verstohlenen Blickkontakts (vor allem in erwähnter Szene im Café) gehören zu den besten Sequenzen im Film. Sie künden u.a. von unterdrückter Sehnsucht, sinnlichem Verlangen – aber auch dem schlechten Gewissen auf Seiten Cristinas, einer verheirateten Frau.
In einem Augenblick fragt der 19-jährige, ungebildete Boxer die mit einem gutbezahlten Job und Universitäts-Ausbildung ausgestattete Frau, ob sie ihn heiraten würde, wenn sie nicht schon einen Ehemann hätte. Ihre Antwort auf die Frage überrascht sicher nicht nur den Zuschauer, sondern – im Nachhinein – auch sie selber. Der junge Rafael Florea ist tatsächlich Boxer, das sieht man den Szenen im Ring jederzeit an. Auch stammt er wie seine Figur aus sozial schwachen Verhältnissen. Er spielt daher bis zu einem gewissen Grad sich selbst und dieser Umstand verschafft seinem Spiel eine wahrhaftige Note.  Nicht umsonst trägt sein Protagonist im Film auch seinen wahren Namen.
Florea besuchte eine von Șerban gegründete Schauspielsuche und wurde von ihm im Rahmen eines einjährigen Castings ausgewählt. Autobiografische Züge und Elemente vermittelt auch Hilda Péter in der Rolle der unglücklichen Ehefrau und Mutter Cristina, die als Schauspielerin arbeitet. Nicht nur, dass sie beruflich im Schatten des Ehemanns steht, auch als Frau scheint sie sich nicht mehr von ihm begehrt zu fühlen. Ihre zurückgenommen Darbietung verleiht Cristina etwas Scheues, Unnahbares und damit Begehrenswertes.
Gut ist, dass Șerban oft die Handkamera einsetzt. Das verleiht vielen Momenten Intensität und Unmittelbarkeit, vor allem den Box-Szenen. Ein wenig klischeehaft und aufgesetzt  wirkt die kleine Nebenhandlung um den geldgierigen Manager, der Rafael mit seinen Forderungen („in der zweiten Runde gehst du zu Boden“) und Drohungen in eine emotionale Krise stürzt. Dieses Handlungselement ist allseits bekannt, überraschungsarm und erfüllt nur das Stereotyp vom kriminellen, osteuropäischen Amateur-Boxsport, der durchzogen ist von Manipulationen und getürkten Kämpfen. Dies ist aber die einzig nennenswerte, verschmerzbare Schwäche des Films.
Umso stärker gestaltet sich dann aber wiederum das Finale. Dieses ist einerseits offen gehalten, andererseits aber macht es auch klar, dass sich Rafael und Cristina schließlich für etwas entscheiden, womit Beide im Moment des Kennenlernen sicher nicht gerechnet hätten: am wenigsten Cristina.
Björn Schneider