Boy A

Dreckiger Realismus trifft Film Noir. In düsteren Farben schildert John Crowley die Situation eines jungen Mannes, der im Alter von 10 Jahren ein schweres Verbrechen begangen hat und dafür 14 Jahre im Gefängnis saß. Nach seiner Entlassung geht er inkognito nach Manchester und beginnt, das Leben als Erwachsener neu zu lernen. Die Erinnerung an seine Tat und der Hass einer unversöhnlichen Gesellschaft verfolgen ihn.
Verfilmung des gleichnamigen Romans von Jonathan Trigell.

Webseite: www.senator.de

Deutschland 2008
Regie: John Crowley
Buch: Mark O’Rowe
Kamera: Rob Hardy
Darsteller: Andrew Garfield, Peter Mullan, Katie Lyons, Shaun Evans
Länge: 106 Minuten
Verleih: Senator Film Verleih
Starttermin: 7.5.2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Im Besuchsraum eines Gefängnisses sitzen sich der wettergegerbte Sozialarbeiter Terry (Peter Mullan) und ein namenloser, sehr unsicherer junger Mann (Andrew Garfield) an einem kargen Tisch gegenüber. Terry fragt, ob er sich denn jetzt für einen Namen entschieden hätte. Der junge Mann zögert, scheint überfordert und hat sichtlich Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Dann gegen Ende des Gesprächs entscheidet er sich plötzlich. Jack, das soll der neue Name werden. Aus dem in den Medien nur als ‚Boy A’ bekannten Kinder-Schwerverbrecher wird der junge Jack Burridge.

 

Nach seiner Entlassung versucht Jack in Manchester Fuß zu fassen. Terry gibt ihn als seinen Neffen aus, verschafft ihm ein Zimmer zur Untermiete und einen Job in einer Speditionsfirma und schärft ihm immer wieder ein, dass auch er ein Anrecht auf ein Leben hat, trotz allem, was passiert ist. Jack macht seine Sache erstaunlich gut. Die Kollegen und seine Vermieterin halten seine Zurückhaltung für Schüchternheit und gehen freundlich und ein bisschen derb mit ihm um. Jack findet einen Kumpel in Ko-Fahrer Chris und kommt nach anfänglichen Peinlichkeiten sogar mit Michelle „the white whale“, der Sekretärin der Firma, zusammen. Es bleibt zwar ein bisschen unklar, was Michelle an dem unbeholfenen Mann findet, der sie lange mit großen Augen anstarrt und kein Wort über die Lippen bringt, aber später ist echte Zärtlichkeit zwischen den beiden spürbar.

Trotz der hoffnungsvollen Entwicklung, die Jack nimmt, hängt durchweg eine große Düsternis über dem Film. Nur spärlich fällt Licht in die kargen Innenräume, die so wenig persönliche Habe beinhalten, dass sie sich kaum vom Gefängnis unterscheiden. Grobkörnige Bilder, entsättigte Farben, die fast schon schwarz-weiss wirken, häufige Unschärfen und verstellte Perspektiven schaffen ein Unbehagen, dass Jacks Verfassung entspricht. Die neue Erwachsenenwelt stellt Anforderungen, die ihn ständig an den Rand der Überforderung treiben. Er wird von Schuldgefühlen und Alpträumen geplagt, und die ständige Panik, sein großes Verbrechen könnte öffentlich werden, sitzt ihm im Nacken. Und sie nimmt zu. Als sein Foto in einem anderen Zusammenhang in der Zeitung erscheint, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis irgendjemand Jack Burridge mit dem 10-jährigen Mörder Eric Wilson in Verbindung bringt.

Was damals geschah, erzählt der Film nach und nach in elegant eingewobenen Rückblenden, die wie verstörende Flashbacks wirken. Langsam tastet sich das Drehbuch von Erics Familienverhältnissen über seine Freundschaft mit dem abgebrühten Philipp an den gemeinsam verübten Mord an einer Schülerin heran. Dennoch bleibt das Ausmaß von Erics Schuld letzten Endes irritierend ungeklärt. War er am Ende „nur“ ein Mitläufer? Oder ist es lediglich das, was man sich als Zuschauer wünscht, um Jack eine zweite Chance wirklich zugestehen zu können?

Mit „Boy A“ liefern Regisseur Crowley und Autor O’Rowe einen eindringlichen Kommentar zum Thema jugendliche Straftäter und deren Dämonisierung durch die Medien. „Evil comes of age“ titelt eine Boulevardzeitung, als Jack entlassen wird. „Boy A“ plädiert gegen die allgemeine Meinung für die Chance auf Resozialisation – und ist dabei doch zutiefst pessimistisch, was deren Erfolgschancen angeht.

Hendrike Bake

Vierundzwanzig Jahre alt ist Jack jetzt, vierzehn davon verbrachte er im Gefängnis. Früher hieß er anders. Dass seine Identität geändert wurde, hatte einen guten Grund. Als er zehn Jahre alt war, stand er unter dem negativen Einfluss eines „Freundes“. Ein junges Mädchen kam dabei ums Leben. Auch wenn Jack nicht der Totschläger gewesen ist, er war bei dem Mord jedenfalls dabei – mit offenem Messer.

Seelisch erscheint er noch immer gebrochen. Seine große Stütze ist der Bewährungshelfer Terry. Langsam, aber nur sehr langsam, richtet Jack sich auf. Er bekommt eine Arbeit und verliebt sich in Michelle. Alles scheint auf einem guten Weg zu sein.

Da wird die frühere Verbrechens- und Todesgeschichte wieder offenbar. Die Pressemeute ist hinter Jack her. Er muss den Paparazzi entfliehen.

Was aber schlimmer ist: Michelle erfährt die Wahrheit. Jack hatte ihr nichts gesagt. Nun ist sie geschockt und enttäuscht. Sie hätte Jack vergeben können, sagt sie, wenn, ja wenn sie etwas hätte ahnen können. Es kann sein, dass Jack es angesichts eines solch verheerenden Verlaufs der Dinge nicht schafft.

Ein liebloses Elternhaus, falsche Freunde, Passivität gegenüber schweren negativen Neigungen, dann fast folgerichtig die Tragödie.

Versuch, ein halb kaputtes Leben wieder hochzubringen und wieder lebenswert zu machen. Eine (zweite) Chance, wenn es gelingt.

In filmisch durchgehend dunkler Stimmung sind dieses dunkle Leben sowie Jacks und Terrys schleppend gelingende Bemühungen gehalten, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Terry muss seine ganze Überredungskunst aufwenden, seelische Rückstände Jacks bleiben nicht aus. Die diskrete Regie passt sich formal der schweren thematischen Last an, Interesse des Kinozuschauers für den tristen Stoff sollte nicht fehlen.

Der junge Andrew Garfield liefert in der Rolle des Jack eine erstklassige psychologische Studie ab, gleichwertig unterstützt – wenn auch weniger gefordert – von Peter Mullan als Terry und Katie Lyons als Michelle.

Thomas Engel