Brasch – Das Wünschen und das Fürchten

Zum 10. Todestag erscheint eine dokumentarische Filmcollage über den legendären Dichter, Schriftsteller und Filmemacher Thomas Brasch, der zu der Generation deutsch-deutscher Dichter gehörte, die sich an den gegensätzlichen Systemen abgearbeitet und aufgerieben haben. Dass Brasch selber in Bildern und Sprachbildern gedacht und sich ausgedrückt hat, erweist sich für die filmische Umsetzung als Glücksfall. So entsteht auf der Leinwand das spannende und intensive Bild eines Lebens in Widersprüchen. Das Porträt über einen Toten, der auf der Leinwand ungemein lebendig daherkommt.

Webseite: www.neuevisionen.de

D 2010
Regie und Buch: Christoph Rüter
Darsteller: Thomas Brasch, Katharina Thalbach
Laufzeit: 92 Minuten
Kinostart: 3.11.2011
Verleih: Neue Visionen

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Grenzgänger und Genie – Thomas Brasch (1945 – 2001) gehörte zu der Generation deutsch-deutscher Dichter, die sich an den gegensätzlichen Systemen abgearbeitet und aufgerieben haben. Der überzeugte Sozialist Brasch fühlte sich auch nach der Ausreise aus der DDR im Jahre 1978 noch als Bürger dieses Staates, auch wenn er als Dissident in Westdeutschland seine großen Erfolge als Autor und Filmemacher feierte. Seine eigentliche Heimat wurde die Kunst, das Schreiben zur einzig möglichen Existenzform. Das einsame Existieren in der Öffentlichkeit spiegelt sich auch in seinem Umgang mit und vor der Kamera wider. Er filmte seine Leben, selbst bis in die Abstürze hinein, zwischen Alkoholexzessen und starken Drogen. Diese für die Öffentlichkeit bestimmten filmischen Reflexionen werden in der Dokumentation des Filmemachers und Brasch-Freund Christoph Rüter zum wesentlichen Bestandteil seiner Arbeit. Dass Brasch selber in Bildern und Sprachbildern gedacht und sich ausgedrückt hat, erweist sich für die filmische Umsetzung als Glücksfall. So entsteht auf der Leinwand das spannende und intensive Bild eines Lebens in Widersprüchen. Das Porträt über einen Toten, der auf der Leinwand ungemein lebendig daherkommt.

Geboren wurde Thomas Brasch in England. Seine jüdischen Eltern wurden im Exil zu Kommunisten. 1947 siedelt die Familie nach Ostdeutschland über, um dort am Aufbau eines sozialistischen Staates mitzuwirken. Der Sohn litt unter dem fehlenden Familienleben, da beide Elternteile nur für ihre Arbeit lebten. Die drakonisch strenge Kadettenschule, auf die er als neunjähriges Kind in Naumburg geschickt wurde, hinterließ bei ihm ebenso traumatische Erfahrungen, wie das Gefängnis, in dem er wegen seines öffentlichen Protests gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 einsaß. Der eigene Vater hatte damals als hoher Kulturfunktionär der DDR an der Verhaftung des Sohnes mitgewirkt. Fortan trägt Thomas Brasch mit den Mitteln des Schreibens die immer schärfer werdenden Gesellschafts- und Generationskonflikte aus. Nachdem seine Arbeiten in der DDR mit Veröffentlichungsverbot belegt wurden, ließ er seinen ersten Erzählband „Vor den Vätern sterben die Söhne“ im Westen drucken.

Die Ausreise im Jahre 1977 mit seiner damaligen Freundin Katharina Thalbach erfolgte im Zuge der Ausbürgerung von Wolf Biermann. Sie setzte geografisch zwar eine Zäsur, doch Brasch verstand sich auch weiterhin als Bürger der DDR. Im Westen erhielt er für seine Arbeiten zahlreiche Preise, darunter den bayerischen Filmpreis für sein Regiedebüt „Engel aus Eisen“, doch seine politische Identität sah er weiterhin in der DDR verwurzelt. So erlaubte ihn der Fall der Mauer zwar die Rückkehr in den Ostteil Berlins, gleichzeitig empfand der das endgültige Scheitern des sozialistischen Experiments als Abgrund.

Die Ruhelosigkeit und Zerrissenheit des Künstlers Thomas Brasch setzt sich auch in seiner Persönlichkeit fort. Regisseur Christoph Rüter, der während seiner Zeit als Dramaturg an der Freien Volksbühne in Berlin von 1985-89 mit Brasch zusammengearbeitet hatte, beschreibt ihn als charismatischen Menschen, der charmant und aggressiv sein konnte, penetrant und leidenschaftlich, einer der Menschen schnell für sich vereinnahmen konnte und ebenso schnell Beziehungen beendete. Brasch war eine Person voller Widersprüche, der man sich am Besten nähert, in dem man sich ihr aussetzt. Dass ermöglicht Rüters Dokumentation auf ebenso sinnliche wie aufwühlender Weise.

Norbert Raffelsiefen

Thomas Brasch, Schriftsteller, Dichter und Filmemacher, war der Sohn jüdischer Eltern, die nach England emigriert waren. Dort ist er 1945 auch geboren; immer war er stolz auf seinen englischen Pass. 2001 starb er.

Sein Freund Christoph Rüter stellte diesen Dokumentarfilm vorwiegend aus (27 Stunden) Material zusammen, das Brasch über sich selbst hinterlassen hat. Dazwischen charakteristische TV-Szenen aus seinen Theaterstücken (zum Beispiel über die Aufarbeitung der Kindheitserlebnisse in der Kadettenschule oder die Zeit im Gefängnis, in das sein eigener Vater ihn brachte), aus Talkshows, aus persönlichen Gesprächen (zum Beispiel mit Günter Grass) – nicht zu vergessen seine berühmt-berüchtigt gewordene Rede anlässlich der Verleihung des Bayerischen Filmpreises 1981, den er für seinen Film „Engel aus Eisen“ erhielt.

Sehr komplex waren seine Dimensionen: die geistig-literarische, die politische, die menschlich-persönliche. Die erste brachte viel Bedenkenswertes und schöne Gedichte hervor, was im Film zum Ausdruck kommt.

Die zweite war eine ewige Subversion: gegen den Staat (DDR ebenso wie Westdeutschland) und jegliche soziale Organisation, die er aber andererseits in Anspruch nahm, nehmen musste; gegen die Zwänge des Lebens, gegen den Riss zwischen der Gesellschaft und den Ansprüchen des Einzelnen.

Die dritte war geprägt von Widersprüchen, von Ängsten, von Aggressivität, von der ständigen Selbstfilmerei mit wackliger Handkamera („die Welt nur noch durch die Kamera“ gesehen – „Bilder von dem Leben, das ich nicht habe“), vom Schmerz („Nur der Schmerz lässt dich spüren, dass du am Leben bist“ – „Der Tod ist der Schmerzbeender“ – „Ich meinte, ich lebe nicht mehr“), von der literarischen Arbeit, von seinem „Wortgefängnis“.

Er war ein Ruheloser, ein Einsamer, ein Unberechenbarer, ein Anarchist, ein Suchender, der „gelebte Widerspruch“ (Regisseur Christoph Rüter), einer, der den Konflikt und den „Wirrwarr“ (Brasch) suchte, einer, der auch vor Alkohol und Drogen nicht halt machte, einer, der gegen Ende seines Lebens sterbenskrank wurde. . .

. . . einer, der künstlerisch genug Bedeutung hatte, so dass er diesen Film eines Freundes (aus Anlass seines 10.Todestages) mehr als verdient.

Thomas Engel