Brimstone

Ein Western aus der Hölle ist Martin Koolhovens „Brimstone“, ein düsterer, brutaler, mit christlicher Symbolik durchzogener, sado-masochistischer Alptraum über Missbrauch, Rache und Vergeltung. Eindrucksvoll gefilmt ist diese europäische Co-Produktion ohne Frage, doch was der niederländische Regisseur hier in zweieinhalb Stunden zeigt und erzählt ist oft nur schwer zu ertragen.

Webseite: www.kochmedia-film.de

Niederlande/ Frankreich/ Deutschland/ GB/ Belgien/ Schweden 2016
Regie & Buch: Martin Koolhoven
Darsteller: Dakota Fanning, Guy Pearce, Kit Harrington, Emilia Jones, carice van Houten, Carla Juri
Länge: 148 Minuten
Verleih: Koch Media
Kinostart: 30. November 2017

FILMKRITIK:

Irgendwo in der amerikanischen Prärie lebt Liz (Dakota Fanning) mit ihrer Tochter, ihrem Mann und einem Stiefsohn, in jeder Hinsicht fern der Zivilisation. Liz ist stumm, kommuniziert via Zeichensprache und ihrem expressiven Gesicht, das vor Angst erstarrt, als ein neuer Priester (Guy Pearce) die Kanzel der kleinen Dorfkirche betritt. Vor falschen Predigern soll man sich in Acht nehmen mahnt der Priester, der mit einer Narbe im Gesicht gezeichnet ist und bald beweist, das er seine Warnung ernst gemeint hat. Auf brutale Weise ermordet er Liz' Mann und ihren Sohn, warum, bleibt lange offen, ebenso wie die augenscheinliche persönliche Verbindung zwischen Liz und dem Priester.
 
Nach dieser ersten Episode geht es zurück in die Vergangenheit, wo eine jüngere Liz notgedrungen in einem Bordell arbeitet, das sinnigerweise Inferno heißt. Dementsprechend rau sind die Sitten, verroht die Kunden, die sich der Prostituierten bedienen, sie benutzen und missbrauchen. In dieser Phase ihrer Geschichte kann Liz noch sprechen, doch bald wird sie ihre Vergangenheit einholen und das Schicksal seinen Lauf nehmen.
 
Offenbarung, Genesis oder Exodus heißen die Kapitel von Martin Koolhovens „Brimstone“, der erste auf Englisch gedrehte Film des niederländischen Regisseurs, der in seiner Heimat durch Filme wie „Schnitzelparadies“ oder „Mein Kriegswinter“ bekannt wurde. Eine offensichtlich biblisch konnotierte Geschichte also, die von fehlgeleitetem religiösen Fanatismus erzählen will. Der Priester ist dabei die Schlüsselfigur, ein aus der Alten Welt nach Amerika emigrierter Mann, der die Bibel wörtlich nimmt, der einem strikten protestantischen Glauben nachhängt, bzw. das, was er dafür hält. Besonders die Frauen haben darunter zu leiden, sie müssen ihm, müssen dem Mann untertan sein und gehorchen, werden geschlagen und missbraucht, was Koolhoven in einigen Szenen auf so drastische Weise zeigt, dass man sich fragt, wer hier eigentlich der größere Sadist ist: Der Regisseur oder seine Hauptfigur?
 
Da hilft es auch nur bedingt, dass der Film in einem kurzen Prolog, dessen wahre Bedeutung sich erst ganz zum Ende der zirkulären Erzählstruktur erklärt, aus Sicht einer Frau erzählt ist. Denn die angedeutete weibliche Perspektive hilft jedoch nur ansatzweise, den physischen und psychischen Missbrauch, dem sich alle auftauchenden Frauen ausgesetzt sehen, zu kontextualisieren. Auch wenn er es vermutlich nicht so meint, steht Koolhoven doch vor dem bekannten Problem, dass er zwar bestimmte Verhaltensmuster verurteilen will, diese aber so  expressiv in Szene setzt, dass er sich kaum noch von ihnen distanzieren kann.
 
Auf dem Papier ist Martin Koolhoven mit „Brimstone“ ein interessanter Film gelungen, der auf drastische Weise über den Missbrauch von Frauen erzählt, deren religiös begründete Unterdrückung in einem prägenden Teil der westlichen Geschichte aufzeigt. Doch er tut dies auf eine Weise, mit einer solchen Lust an sadistischen Momenten, dass es schwer fällt, in seinem Film nicht selbst ein Beispiel für den Missbrauch von Frauen zu sehen.
 
Michael Meyns