Brownian Movement

Frauen in Extremzuständen, für solche Fälle ist Schauspielerin Sandra Hüller genau die richtige. In der niederländisch-deutschen Produktion „Brownian Movement“ spielt sie eine verheiratete Ärztin, die ein Faible für Sex mit hässlichen Männern hat, dabei aber völlig gleichgültig und abwesend bleibt. Erklärungen für dieses Verhalten liefert Regisseurin Nanouk Leopold allerdings nicht. Die Stärke ihres Films liegt insbesondere in einem streng formalen, ruhigen und minimalistischen Inszenierungsstil, der Geduld erfordert und dazu auffordert, Dinge im Leben als das zu akzeptieren, was sie sind.

Webseite: www.filmlichter.de

Niederlande/Deutschland 2010
Regie: Nanouk Leopold
Darsteller: Sandra Hüller, Dragan Bakema, Sabine Timoteo, Daniel Money-Kyle
100 Minuten
Verleih: Filmlichter
Start: 30.6.2011

PRESSESTIMMEN:

Eine Studie über Architektur und Verlangen, die durch Hauptdarstellerin Sandra Hüller zum Ereignis wird.
Spiegel.de

FILMKRITIK:

Es war der schottische Botaniker Robert Brown, der 1827 die zufällige Bewegung von Teilchen in Flüssigkeiten und Gasen in Abhängigkeit von deren Temperatur entdeckte. Das in der Wissenschaft als „Brownsche Molekularbewegung“ bezeichnete Phänomen überträgt die niederländische Regisseurin Nanouk Leopold nun auf eine Paarbeziehung, in der das Verhalten der Frau in nicht erklärbaren Bahnen verläuft. Das hat Ungleichgewichte im Leben des Paares zur Folge.

Das laborhafte Setting macht Leopold in den ersten beiden der insgesamt drei Teile ihrer Geschichte durch vorwiegend kühle, statische und distanzierte Einstellungen deutlich. Zunächst erkundet die Kamera da eine karg möblierte Altbauwohnung, mit fast sezierendem, abtastendem Blick erforscht sie die Räume und die Einrichtung. Die Wohnung dient der in einer Brüsseler Universitätsklinik tätigen Charlotte (Sandra Hüller) als Erfüllungsort für ein heimliches Verlangen. Hier trifft sie sich – tagsüber – mit fremden Männern, die sie zuvor in der Klinik untersucht hat. Schön kann man diese Liebhaber nicht nennen: fettleibig der eine, behaart wie ein Affe der andere, greisenhaft ein dritter. Bis auf einen bleiben diese Männer gesichtslos, teils von der Kamera auch mit Unschärfen eingefangen. Der Liebesakt selbst erfolgt aus Sicht Charlottes wie in Trance. Emotionen lässt sie nicht erkennen. Manchmal scheint es gar, als wisse sie selbst nicht so recht, was da mit ihr auf dem Flokatiteppich, dem Sessel oder im Bett passiert.

Auch im zweiten, immer noch vorwiegend auf Innenräume beschränkten Teil ist ihr das noch nicht so recht klar. Nachdem sie einer der heimlichen Liebhaber auf einer Baustelle ihres Mannes (er ist ein auf die Restaurierung von Le Corbusier-Häusern spezialisierter Architekt) entdeckt und angesprochen hat, schlägt sie dem Mann die Nase blutig. Nun sitzt sie einer Therapeutin gegenüber und soll von sich, ihrer Ehe, ihrem Sexleben und ihren Sehnsüchten erzählen. Mehr wie angefangene Sätze kommen dabei allerdings nicht heraus – und so kommt auch hier den weiterhin ruhigen Bildern, vermehrt nun aber auch der Mimik von Sandra Hüller, große Bedeutung zu. Dass Charlotte aufgrund der Uneinsichtigkeit in ihr Verhalten und ihres seelischen Zustandes von der Ärztekammer die Approbation abgesprochen bekommt und die Ehe in Gefahr ist, verstärken den Konflikt, aber auch die Sprachlosigkeit.

Im dritten Kapitel kommt dann aber doch noch etwas Bewegung in „Brownian Movement“. Der Spielort ist nun – der Mann wurde beruflich versetzt – nach Indien verlegt. Die Welt hier ist bunter, das Leben lebendiger, Charlotte wirkt aufgeräumter, ein Kindermädchen hilft ihr bei der Hausarbeit und der Betreuung der neugeborenen Zwillinge. Trotzdem scheinen immer wieder kleine Details auf, die erahnen lassen, dass bei Charlotte doch noch nicht alles in Butter ist.

Zugegeben, ganz einfach ist „Brownian Movement“ nicht zu rezipieren. Vom Zuschauer wird durchaus Geduld verlangt, sich auf das Schicksal von Charlotte einzulassen, ihr auf ihrem Weg zu folgen und ähnlich dem zu ihr haltenden Mann zu akzeptieren, dass es immer wieder Dinge im Leben geben kann, die sich nicht erklären oder auch ändern lassen. Der Wechsel des Schauplatzes nach Indien ist insofern ein gutes Beispiel dafür, wie die Protagonisten durch die Ortsveränderung zwar noch mehr auf sich zurückgeworfen werden, die gegenseitige Isolation aber trotzdem nicht aufgelöst werden kann. Gerade indem dieser stellenweise höchst meditative Kunstfilm nichts erklärt, erlaubt er es dem Zuschauer, sich selbst in den Figuren zu spiegeln. Sandra Hüller bietet in diesem Sinne eine ganz vorzügliche Projektionsfläche.

Thomas Volkmann

Charlotte ist Mutter und Ärztin, nach außen hin mit Max glücklich. Doch sie hat noch ein zweites Leben, ein unberechenbares – so unberechenbar wie bei bestimmten Temperaturschwankungen das Verhalten von Teilchen und Molekülen in Gas oder Flüssigkeit (das sogenannte Brownian Movement).

Sie schläft mit Männern, die besondere Merkmale aufweisen, beim ersten beispielsweise eine totale quasi affenartige Behaarung. Es ist nicht sicher, ob sie die Kontrolle über ihre Handlungsweise hat.

Einer ihrer Sexpartner ist Angestellter ihres Ehemannes, die Sache fliegt auf.

Jetzt – in Teil II – hilft nur noch eine Therapie. In Gegenwart ihres Mannes versucht sie bei der Psychologin aus sich herauszutreten. Vergeblich. Die Sprache fehlt. Sie verliert ihre Approbation als Ärztin.

In Indien – Teil III – wird ein Neuanfang versucht. Ob eine reale Kommunikation mit Max zustande kommen kann, ist offen, fraglich.

Ein formal äußerst karger, den Zuschauer auf die Folter spannender Film. Handlung gibt es wenig. Es scheint in erster Linie darum zu gehen, die Psyche eines Menschen zu erklären. Aber da dies so gut wie unmöglich ist (Freud hat es versucht, die Psychiater versuchen es, die Traumdeuter versuchen es, die Esoteriker versuchen es – alle ohne Erfolg), bleibt es in erster Linie bei Fragestellungen.

Festzuhalten ist an der formalen Eigenwilligkeit der Regisseurin. Das Unbewusste, Fragliche, Unbegreifliche, Unergründliche an Charlottes Seelenzustand wird filmisch in langen, manchmal fast leeren aber metaphorisch intendierten Sequenzen übertragen – die den Betrachter übrigens auch strapazieren können.

Die Strapaze ist zumutbar, weil Sandra Hüller mimisch eine Topleistung abliefert. Ihr nimmt man die Verlorenheit der Charlotte ab.

Nüchternes Psychodrama um eine schizophrene Frau.

Etwas für pure Interessenten.

Thomas Engel