Bruderliebe

Als sich Michael Becker entschließt, sein altes Leben aufzugeben und sich um seinen zum Pflegefall gewordenen Bruder zu kümmern, ahnt er noch nicht, was auf ihn zukommt. An Hindernissen sowie Rückschlägen aber auch an ungemein positiven wie ermutigenden Erlebnissen. Die dokumentarische Langzeitbeobachtung „Bruderliebe“ ist ein zutiefst menschlicher und sensibel erzählter Film, der zeigt, wie ein eigentlich schon abgeschriebener Mensch nach einem schweren Unfall behutsam ins Leben zurückgeholt wird.

Webseite: www.bruderliebe.de

Deutschland 2019
Regie & Drehbuch: Julia Horn
Länge: 106 Minuten
Kinostart: 28.11.2019
Verleih: Film Kino Text

FILMKRITIK:

Markus Becker ist 45 Jahre alt, als sich sein Leben durch einen schweren Unfall für immer verändert: Von einem Auto erfasst, prallt er mit dem Kopf auf den harten Steinboden und fällt ins Koma. Die Ärzte sagen, dass er die kommenden Tage nicht überleben wird. Doch sein Bruder Michael will sich mit dieser Nachricht nicht abfinden. Indem er ihn mit Dingen aus seinem alltäglichen Leben konfrontiert, versucht er Markus wieder zurück zu holen: Er fährt in dessen Wohnung, verpackt seine Sachen luftdicht und nimmt die Stimmen der Nachbarn auf, um sie Markus am Krankenbett vorzuspielen.

Täglich konfrontiert Michael seinen im Wachkoma liegenden Bruder auf diese Weise mit Eindrücken, denen er vor dem Unfall ausgesetzt war. Mit Erfolg: Denn Markus‘ Zustand verbessert sich allmählich und nach langem Aufenthalt in der Klinik darf er nach Hause. Dort steht für die Brüder eine ganz neue Herausforderung an. Das Ziel ist, Markus wieder zu einem selbstständigen Mitglied der Gesellschaft zu machen.

Die politische Diskussion über das Thema „Pflege“ bestimmte das laufende Jahr. Bis zuletzt ging es dabei um Aspekte wie die Aufwertung des Pflegeberufs aber auch um die Situation pflegender Einzelpersonen, die sich um ihre Angehörigen kümmern. Und für die diese Aufgabe ein Kräfte zehrender Vollzeitjob ist. In „Bruderliebe“ begleitet Filmemacherin Julia Horn den Alltag von Markus und Michael Becker – eines Pflegebedürftigen und eines Pflegenden. Die Dokumentation vermittelt unbeteiligten Außenstehenden ein sehr klares Bild davon was es heißt, sich voll und ganz der häuslichen Pflege eines Familienangehörigen zu widmen – mit allen positiven wie negativen Erlebnissen.

So sind zum Beispiel jene Momente durchdrungen von überwältigender Freude und Glücksgefühlen, wenn sich bei Markus Fortschritte bemerkbar machen, er zunehmend auf seine Umweltreize reagiert und am Ende sogar alles verstehen kann. In seinem Elektro-Rollstuhl kann er sich schließlich selbstständig fortbewegen. Und das, obwohl die Ärzte ihn einst aufgaben. „Bruderliebe“ widmet sich darüber hinaus den zermürbenden, enorm Kraft raubenden Situationen und Ereignissen. Etwa das Bewältigen der bürokratischen Hürden und das ständige Auseinandersetzen mit Ämtern und Behörden. Oder wenn ein weiterer Bruder von Markus im Interview ganz offen sein tiefes Bedauern darüber äußert, dass das Interesse der übrigen Familienmitglieder an Markus, auch das des Vaters, im Laufe der Zeit immer weniger wurde.

In den Gesprächen lässt Julia Horn ihre Interviewten sehr lang und ausgiebig zu Wort kommen. Sie unterbricht nicht und gibt den handelnden Personen jenen Raum, den sie benötigen. Außerdem verzichtet sie auf Off-Kommentare und lässt so die Bilder ganz für sich sprechen. Dabei greift sie auch öfter auf das private Videomaterial von Markus zurück, der mit seiner Kamera von Beginn an Michaels‘ Kampf um sÜberleben dokumentierte. Besonders eindringlich: Eine Szene, eine kurze Einstellung nur, die Markus im Koma liegend im Krankenhaus zeigt, angeschlossen an Maschinen und umgeben von Schläuchen. Aufnahmen, die nicht lange nach dem tragischen Unfall entstanden.

Das Erstaunlichste an „Bruderliebe“ aber ist vermutlich, dass es sich dabei mitnichten um einen traurigen oder gar deprimierenden Film handelt. Dank des entwaffnenden Humors und der stetigen Zuversicht von Michael, der auf spielerisch-kreative Art zu seinem Bruder durchzudringen versucht, wird aus „Bruderliebe“ ein beeindruckendes, optimistisches Werk über das Menschsein an sich.  Und ein Film der klar macht, wie weit die Liebe zwischen Geschwistern gehen kann.

Björn Schneider