Bruno

Ein Mann, allein auf den Straßen von London, begleitet von seinem Hund. „Bruno“ heißt dieser und auch der Film von Karl Golden, der sich eines nicht nur in Großbritanniens zunehmend dramatischeren Problems annimmt: Der Obdachlosigkeit einer immer größeren Zahl Menschen.

Website: https://filmperlen.com/filme/bruno/

GB 2019
Regie & Buch: Karl Golden
Darsteller: Diarmaid Murtagh, Woody Norman, Seun Shote, Scarlett Alice Johnson, Waleed Akhtar, Tom Ashley
Länge: 94 Minuten
Verleih: Filmperlen
Kinostart: 15. Oktober

FILMKRITIK:

Daniel (Diarmaid Murtagh) lebt auf den Straßen Londons. Mit seiner wenigen Habe zieht er durch die Gegend, scheinbar ziellos, doch stets zieht es ihn in eine bestimmte Region der Metropole, scheint er Interesse an ganz bestimmten Personen zu haben. Seine einzige, dafür aber treue Begleitung ist der Hund Bruno, der im Gegensatz zu Menschen den Vorteil hat, das Daniel sich nicht mit ihm unterhalten muss. Denn Worte verliert Daniel ungern, was ihm widerfahren ist, wie er auf der Straße gelandet ist, das bleibt lange ein Geheimnis. Sein einziger, regelmäßiger menschlicher Kontakt ist Malik (Seun Shote), der in einer Wäscherei arbeitet wo Daniel gelegentlich das Bad benutzt, aber selbst einem kurzen Kaffetrinken möglichst ausweicht.

Doch eines Tages ist Bruno verschwunden, statt dessen findet Daniel auf dem Spielplatz einen kleinen Jungen: Izzy (Woody Norman), sechs Jahre alt und von zu Hause ausgerissen. Mehr aus Pflichtgefühl als aus Interesse hilft Daniel dem Jungen – und findet in ihm einen Seelengenossen. Das Izzy ihn stark an seinen eigenen Sohn erinnert, irritiert Daniel zwar, doch genau diese Konfrontation mit seinen eigenen Versäumnissen war nötig, um ihn aus seinem selbstgewählten Eremitendasein zu befreien.

Autor und Regisseur Karl Golden stammt selbst aus Irland und beobachtete in London viele Tausend Iren, die in der Metropole ihr Glück suchen, es manchmal schaffen, manchmal aber auch auf der Straße landen. Auf keiner speziellen Biographie basiert sein Film, sondern auf zahlreichen Menschen, denen er begegnete, deren Schicksal er beschreiben wollte.

Doch „Bruno“ ist nur im Ansatz ein Film über Obdachlosigkeit, er geht in keiner Weise so intensiv auf sein Thema ein wie es etwa unlängst „Der Glanz der Unsichtbaren“ tat. Goldens oft sehr schematischer Film beschreibt die Folgen eines traumatischen Ereignisses, das einen Mann völlig aus der Bahn geworfen hat. Diesen Mann spielt Diarmaid Murtagh mit wenigen Worten, deutet die Verlorenheit seiner Figur mit kaum mehr als Gesten und schmerzhaften Blicken an.

Schade, dass Golden um seinen starken Hauptdarsteller eine Geschichte gebaut hat, die allzu vorhersehbar abläuft, deren Katharsis viel zu glatt verläuft, um wirklich zu berühren. Von dem harten Sozialrealismus des britischen Kinos, so wie sie etwa ein Ken Loach seit Jahrzehnten variiert, ist „Bruno“ weit entfernt. Vielleicht ist es kaum anders möglich, aber gerade die Anwesenheit eines kleinen Kindes wie Izzy sorgt praktisch unweigerlich dafür, dass es sentimental und rührselig wird. Über das harte Schicksal von Obdachlosen, die sich auf den Straßen europäischer Großstädte durchschlagen müssen, hat Karl Goldens Film dagegen wenig zu sagen, statt dessen ist „Bruno“ eine zwar gut gespielte, aber eindimensionale Geschichte über die Überwindung eines Traumas.

Michael Meyns