Bullhead

Bei Belgien denken die meisten Menschen an Kinderschänder und Korruption. Aktuell macht das Land von sich reden, weil es seit gut einem Jahr nicht in der Lage ist, eine Regierung zu bilden. Michael R. Roskam wird mit seinem Film „Bullhead“ das Image seines Landes kaum verbessern. Er nimmt sich die Hormon-Mafia in der Tierzucht vor, ein skrupelloses kriminelles Geflecht, dessen Mitglieder auch vor Mord nicht zurückschrecken. „Bullhead“ ist ein klassischer Gangsterfilm, aber auch das Porträt einer Männergesellschaft in der belgischen Provinz, die nicht nur wegen des ewig grauen Himmels ein düsterer Ort ist.

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OT: Rundskop
Belgien 2011
Buch und Regie: Michael R. Roskam
Darsteller: Matthias Schoenarts, Jeroen Perceval, Jeanne Dandoy, Sam Louwyck, Barbara Sarafian, Tibo Vandenborre
Filmlänge: 129 Minuten
Verleih: Rapid Eyes Movies
Kinostart: 24. November 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Bullhead ist in Roskams Film ein Wort mit vielen Bedeutungen. Vordergründig bezieht es sich auf die Rinder, die auf Bauernhöfen mit Hormonspritzen traktiert werden, damit sie schneller schlachtreif sind. Nach einer rustikalen Schlachthof-Szene kommen die Tiere jedoch nur noch am Rande vor. Roskam richtet den Blick auf die Täter, die mit dem malträtierten Vieh einträgliche Geschäfte machen. Im Zentrum des Geschehens steht Jacky Vanmarsenille (Matthias Schoenarts), dessen bullige Physis nicht zufällig der seiner Tiere ähnelt. Vanmarsenille spritzt sich selbst Testosteron und andere Hormone, was ihm nicht nur ein stiernackiges Aussehen, sondern auch ein höchst aggressives Gemüt beschert. Dass Bullhead auch Dickkopf bedeutet, wird der Rinderzüchter bis zum gewalttätigen Finale ein ums andere Mal beweisen. Der abgeschotteten Gemeinschaft aus Bauern, Tierärzten, Fleisch- und Hormonhändern sowie etlichen Helfern fürs Grobe stehen die Bullen gegenüber. Sie sehen in ihren Ermittlungsbemühungen zunächst ziemlich alt aus, doch als einer der Ihren von dem skrupellosen Fleisch-Großhändler Marc De Kuyper (Sam Louwyck) umgebracht wird, rücken sie der verdächtigen Gang mit allen Mitteln auf die Pelle. Unfreiwillige Hilfe leisten zwei ausgemachte Rindviecher, etwas unterbelichtete Helfer der Hormon-Mafia, die durch ihre Trotteligkeit den Ermittlern wichtiges Beweismaterial liefern.

Roskams Faible für amerikanische Gangsterfilme ist unverkennbar. Undurchsichtige Gestalten drücken sich auf Höfen und in Hinterzimmern herum. Es sieht aus wie Chicago auf dem platten Land. Auch das Klima latenter Gewalt, Einschüchterung und Bedrohung, das in diesem Milieu herrscht, schaute sich der Regisseur bei den großen Vorbildern ab. Und deren Fatalismus findet sich ebenfalls in „Bullhead“. Hier ist es ein schreckliches Ereignis in der Kindheit der Hauptfigur Vanmarsenille, das den Gang der Dinge bestimmt. Der junge Tierzüchter, eher Opfer als Täter in diesem Thriller, stemmt sich zwar verzweifelt gegen sein Schicksal, doch seiner Vergangenheit kann er nicht entkommen. So wollen es die Regeln des Genres. Dass sich die zusehends auswegslose Lage in einem Akt der Zerstörung entladen wird, ist klar. Man weiß nur nicht in welcher Form.

Vanmarsenilles Griff zu Hormonmitteln kann als Anspielung auf Leistungssportler verstanden werden, die sich ebenfalls aus der Apotheke der Tierproduktion bedienen. Roskam kommt es aber vor allem darauf an zu zeigen, wie diese bäuerlich geprägte Männergesellschaft funktioniert. Vanmarsenille versucht mit Muskelbergen, seine verlorengegangene Männlichkeit zu kompensieren. Damit wirkt er zwar bedrohlich, doch seine Liebe zu Lucia (Jeanne Dandoy), einziger weiblicher Gegenpol in der Männerwelt von „Bullhead“, wird sich nie erfüllen. Dass nur richtige Männer akzeptiert werden, ist auch Diederik (Jeroen Perceval) klar, einem Freund Vanmarsenilles aus Kindertagen. Er spielt als rechte Hand des Ober-Gangsters und Polizei-Informant ein gefährliches Spiel. Außerdem ist er schwul, was er ebenso verzweifelt auszuleben wie zu verbergen sucht. Vanmarsenilles auch symbolisch zu verstehende Verstümmelung und Diederiks Homosexualität sind mit einem von Stärke und Rücksichtslosigkeit geprägten System nicht vereinbar, das Schwache sofort aussondert. Da geht es den beiden Freunden wie den Rindern, die ihrem Schicksal ebenfalls nicht entkommen können. Einmal stehen sie mit dunklen Jacken in einem düsteren Stall und sind kaum noch zu unterscheiden vom dunkel gefleckten Vieh.

Überhaupt trägt die Bildgestaltung viel zur Beklemmung bei, die der Film erzeugt. Die Farbkompositionen lassen erkennen, dass Roskam über die Malerei zum Film kam. Dunkle, manchmal verwaschene Töne bestimmen die Szenerie, die bisweilen mit Schatten in Zimmern und Hinterhöfen verschwimmen. Der notorisch graue belgische Himmel tut ein Übriges. Manchmal verliert der Regisseur seine Hauptfigur etwas aus den Augen. Stilistisch gewandt und mit einem Gespür für Atmosphäre gelingt es ihm aber verblüffend glaubhaft, das bäuerliche Belgien mit Gangster-Atmosphäre aufzuladen.

Volker Mazassek

Flandern. Die Hormon- und Anabolika-Mafia blüht. Vor allem Rinder werden gespritzt, die Mastzeit ist dadurch verkürzt, die Gewinne sind höher.

Jacky Vanmarsenille ist einer der Tierhalter und Lieferanten – schon seit jeher. Diederik, sein Freund in Kindertagen, wird sich später als Polizeiinformant herausstellen. Eva Forrestier und Anthony De Greef sind Kriminalbeamte. Lucia wird Jackys unerreichbarer Schwarm. Sam Raymond und Marc De Kuyper sind Hormondealer. Soweit die Hauptbeteiligten.

Lange läuft alles gut. Dann wird ein Fahnder ermordet. Jetzt durchzieht Misstrauen das Leben der Beteiligten. Alle vermuten zwar, dass De Kuyper den Auftrag gab, doch das zu sagen traut sich keiner. Aber irgendwann wird sich die Schlinge zusammenziehen.

20 Jahre davor. Die jungen Jacky und Diederik beobachten die Bande von Bruno, Lucias Bruder. Doch der ist krank im Kopf. Es kommt zum Streit. Bruno zerschlägt Jacky die Hoden und zwar so schwer, dass die Männlichkeit verloren geht. Diederik lässt ihn im Stich. Jackys Leben ist halb verloren. Er pumpt sich mit Anabolika voll, um als Mann zu gelten, ihn treibt die Sehnsucht nach Lucia, und er hat Angst entdeckt zu werden. Bis zum bitteren Ende.

Die beiden Handlungsstränge, also die Dopingverbrechen und Jackys verpfuschtes Leben, sind, wenn auch nicht absolut zwingend, dramaturgisch eng miteinander verwoben – quasi ein kriminelles Außen- sowie ein kaputtes Innenleben.

Ein düsteres, trauriges, glänzend geschriebenes und inszeniertes, hervorragend gespieltes Männerdrama, das in die Art und Weise, wie zum Teil mit unseren Lebensmitteln umgegangen wird, tief blicken lässt. Des kranken Bruno Verhalten und Handeln ist wohl unter den Kategorien Unglück und Tragik zu subskribieren.

Auf jeden Fall eine besondere Hervorhebung verdient Matthias Schoenaerts für seine Verkörperung des Jacky: in sich gekehrt, zum normalen Lebensausdruck nicht mehr fähig. Ein monotones aber in diesem Falle richtiges Spiel.

Thomas Engel