Buñuel – Im Labyrinth der Schildkröten

Der halbfiktionale, zum Teil auf wahren Begebenheiten beruhende Animationsfilm „Buñuel – Im Labyrinth der Schildkröten“ erzählt von den schwierigen Dreharbeiten zu Luis Buñuels drittem Film, der Dokumentation „Las Hurdes“. Wie in vielen Meisterwerken und Klassikern Buñuels geht es auch in „Im Labyrinth der Schildkröten“ um die Manipulation der Realität, um Illusion, Einbildung und Spekulation.

Webseite: arsenalfilm.de

Spanien/Niederlande/Deutschland 2019
Regie: Salvador Simó
Drehbuch: Eligio R. Montero, Salvador Simó
Länge: 80 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: 26. Dezember 2019

FILMKRITIK:

Paris, 1930: Erst ein Jahr zuvor wurde der Spanier Luis Buñuel mit seinem Debüt „Ein andalusischer Hund“ von der Kritik gefeiert. Gemeinsam mit Salvador Dali galt er als wichtigster Künstler des Surrealismus. Doch nachdem sein zweiter Film („Das goldene Zeitalter“) einen Skandal auslöste, steht Buñuel nun mittellos und ohne Geldgeber da. Sein bester Freund, der Bildhauer Ramón Acin, verspricht ihm im Scherz, seinen kommenden Film zu finanzieren – sollte er im Lotto gewinnen.

Und tatsächlich: Acins Lotterieschein bringt ihm Glück und die finanziellen Mittel für  Buñuel künftiges filmisches Projekt stehen überraschend nun doch zur Verfügung. Anstelle eines surrealistischen Werks möchte Buñuel diesmal jedoch einen Dokumentarfilm drehen und das wahre Leben abbilden. Gemeinsam mit einigen treuen Gefolgsleuten reist er in die abgelegene spanische Mittelgebirgsregion Las Hurdes, um dort den Alltag der armen Landbevölkerung mit der Kamera festzuhalten.

Es ist ein spannender Ansatz, den Regisseur Salvador Simó mit „Buñuel – Im Labyrinth der Schildkröten“ verfolgt. Ein Ansatz, bei dem Simó wahre Begebenheiten mit Fiktion mischt und sich hinsichtlich jener fiktionalen Anteile enorm viele Freiheiten gewährt. Ebenso wie es Buñuel mit der Realität nicht immer so genau nahm und Szenen nicht selten manipulierte sowie in die Geschehnisse vor der Kamera direkt eingriff. So geschehen bei „Las Hurdes – Land ohne Brot“.

Vieles von dem, was „Im Labyrinth der Schildkröten“ zeigt, ist aber tatsächlich so passiert und belegt. Zum Beispiel dass Ramón Acin 100 000 Pesos im Lotto gewann und 20 000 davon seinem Freund Buñuel zur Verfügung stellte. Oder dass der exzentrische Filmemacher für „Las Hurdes“ Tiere (auf ziemlich brutale Weise) tötete, um die gewünschten Bilder zu erhalten. Arrangierte Hinrichtungen gewissermaßen. Eine besonders grauenvolle, in der ein Esel von einem Bienenschwarm zu Tode gestochen wird, zeigt der Film. Daneben aber lässt Simó seiner Phantasie häufig freien Lauf und präsentiert die Ereignisse sowie die Dreharbeiten in dem bergigen Gelände so, wie er sie sich persönlich vorstellt. Und wie es in der fertigen Doku also zu den jeweiligen Szenen und Sequenzen gekommen sein könnte.

Der eigentliche Clou von „Im Labyrinth der Schildkröten“ ist ein direkter Vergleich beider Filme. Er stellt die animierten – und teils erdachten – Making-of-Szenen den echten Aufnahmen aus „Las Hurdes“ gegenüber. Und so folgen auf die farbigen Bilder von Simós Film oft unmittelbar die schwarz-weiß-Aufnahmen aus Buñuels Werk. Animation trifft auf Dokumentation. Die Gegenüberstellung und Verschränkung der Formate fasziniert ungemein und verfehlt ihre Wirkung nicht. Zumal sie noch etwas anderes verdeutlicht:  Die Tatsache, dass das scheinbar Echte und Reale nicht selten verfälscht und von außen beeinflusst ist.

Darüber hinaus ist „Im Labyrinth der Schildkröten“ gespickt mit Anspielungen auf Buñuels Kindheit und einige prägende Lebensereignisse. So kommt das seit jeher schwierige Verhältnis zu seinem Vater genauso zur Sprache wie der große Einfluss Salvador Dalis auf Buñuels eigenes Schaffen. Aber auch die Bürde, immer wieder im Schatten des großen Malers zu stehen und mit diesem verglichen zu werden, verschweigt Simó nicht. Er garniert „Im Labyrinth der Schildkröten“ zudem mit surrealen Szenen (Dalis berühmte, langbeinige Elefanten spielen hier eine zentrale Rolle) und arbeitet die Bedeutung des Traumhaften sowie Unterbewussten für die surrealistische Kunst heraus. 

Björn Schneider