Café Waldluft

Als Heimatfilm bezeichnet Regisseur Matthias Koßmehl "Café Waldluft", seine erste lange Dokumentation, womit der Ton gesetzt ist. Flüchtlinge aus Afghanistan und anderen Kriegsgebieten, die in Berchtesgaden vor malerischer Kulisse untergebracht sind: Immer wenn die Absurdität dieser Kontraste in den Mittelpunkt gestellt werden, deutet Koßmehl an, wie radikal sich Deutschland in den nächsten Jahren wohl ändern wird.

Webseite: www.cafewaldluft-film.de

Deutschland 2015
Regie & Buch: Matthias Koßmehl
Länge: 79 Minuten
Verleih: déjà-vu Film
Kinostart: 31. März 2016
 

FILMKRITIK:

"Café Waldluft" ist nicht der erste und wird ganz gewiss nicht der letzte Film sein, der sich auf die ein oder andere Weise mit dem Thema unserer Zeit auseinandersetzt: Flüchtlingen, Asylbewerbern, Fragen der Integration und Ausländerfeindlichkeit. Selbst in der Nähe von Berchtesgaden aufgewachsen, nahm Matthias Koßmehl die Veränderungen der letzten Jahre zum Anlass für seine Dokumentation, die teils ganz klassisch die Flüchtlinge in den Mittelpunkt stellt, sie in Interviews über ihre Probleme, Sorgen und Erlebnisse berichten lässt, teils auf sehr pointierte Weise den Umgang von Einheimischen mit den Flüchtlingen beobachtet.

Fremde hat es in dieser Region zwar schon lange gegeben, doch die kamen in Form von  zahlenden Gästen, als Touristen, die für ein paar Tage, manchmal auch nur für wenige Stunden die majestätische Welt der bayerischen Alpen bestaunen wollten, eine Brotzeit zu sich nahmen und wieder verschwanden. Doch auch hier, wo Deutschland so sehr dem Klischee entspricht wie wohl nirgendwo sonst, wo Trachten noch stolz getragen werden und keine Frage besteht, dass man CSU wählt, ändert sich etwas.

Immer mehr Hotels in der Region werden zum Teil oder ganz zu Flüchtlingsunterkünften umgewandelt, um dem nicht abreißenden Strom von Asylbewerbern gerecht zu werden. Eines davon ist das Hotel Café Waldluft, das seit ewigen Zeiten von der Wirtin Flora betreut wird. Für die Asylbewerber aus Afghanistan, Syrien oder Sierra Leone fungiert sie nun als eine Art Ersatz-Mutter, die für ihre Schützlinge kocht, Kummerkasten ist und sie ansonsten machen lässt.

Interessant ist nun, wie Flora und andere Bewohner des Orts mit den Flüchtlingen umgehen. Die durchweg älteren Herrschaften zählen keineswegs zu den so genannten Gutmenschen, die sich in Berlin oder Stuttgart um Flüchtlinge kümmern und sich oft an politischer Korrektheit überbieten. Sie sind ganz normale Bürger, die unbekümmert und oft ein wenig burschikos mit den Fremden umgehen. Und da kein Blatt vor den Mund genommen wird, werden die unterschiedlichen Lebensvorstellungen schon mal mit Worten beschrieben, die zwar der Realität entsprechen, im zeitgenössischen Diskurs aber oft verpönt sind. Wenn da eine ältere Dame mit einem kleinen schwarzen Jungen zu tun hat, der um ihren Frühstückstisch herumschwirrt, behandelt sie ihn nicht wie ein rohes Ei, sondern wie den ganz normalen kleinen Jungen, der er ist.

Gerade wenn Koßmehl solche Begegnungen einfach beobachtet, ist seine Dokumentation bemerkenswert. Wenn er nicht auf direkte Interviews zurückgreift, die nur Variationen von Bekanntem sind, sondern wenn er die Kontraste und Widersprüche visuell andeutet: Aufnahmen der urbayerischen Traditionen etwa, Festumzüge, Trachten, Rituale wie das Abfeuern altertümlicher Pistolen, all das vor der atemberaubenden Kulisse der Berge. Hier ist Deutschland so Deutsch wie es nur geht, doch scheint das Zusammenleben von Einheimischen und Flüchtlingen hier unproblematischer, da oft pragmatischer zu funktionieren, als in anderen Regionen.
 
Michael Meyns