Cairo Time

Verführerisch simpel feiert die unaufdringlich, minimalistisch inszenierte Romanze „Cairo Time“ über eine unerwartete, späte Liebe die Flüchtigkeit des Augenblicks mit bittersüßer Reife. Getragen vom Zauber der plötzlichen Begegnung zwischen Orient und Okzident gelingt Regisseurin Ruba Nadda und ihren beiden herausragend spielenden Hauptdarstellern Patricia Clarkson (Shutter Island, und Alexander Siddig durch erzählerische Diskretion eine Magie, die fast unmerklich in den Bann schlägt.

Webseite: www.alamodefilm.de

Kanada / Irland/ Ägypten 2009
Regie: Ruba Nadda
Buch: Ruba Nadda
Darsteller: Patricia Clarkson, Alexander Siddig, Tom Mccamus, Elena Anaya, Amina Annabi
Länge: 88 Minuten
Verleih: Alamode
Kinostart: 1. September 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Dreitausend Jahre vor Christus nahm die fesselnde Geschichte Ägyptens ihren Anfang. Noch immer prägt der Nil, Afrikas längster Fluss, Lebensspender und Wasserstraße zugleich, das sagenumwobene Land der Pharaonen. Hier entstand in Jahrtausenden eine Kultur, deren Bauwerke und Geheimnisse die Menschen seit jeher faszinieren. In der brodelnden ägyptischen Metropole Kairo beginnt auch für die nordamerikanische Modejournalistin Juliette Grant (Patricia Clarkson) eine aufregende Reise. Die glücklich verheiratete Karrierefrau um die 50 erliegt der exotischen Ausstrahlung des Orients und erlebt dabei unerwartet emotionale Gefühlsstürme.

Auslöser: Ihre Bekanntschaft mit dem Ägypter Tareq Khalifa (Alexander Siddig). Der ehemalige Kollege und Freund ihres Mannes empfängt die New Yorkerin überraschend am Flughafen. Denn ihr Gatte, der für die UN in Gaza arbeitet, wurde im Krisengebiet aufgehalten. Tareq, der inzwischen das Kaffehaus seines Vaters übernommen hat, bietet ihr seine Hilfe an, sollte sie irgendetwas benötigen. Zunächst freilich versucht die selbstsichere Mutter zweier erwachsener Kinder allein die Stadt zu erobern. Doch als die attraktive Blondine in den engen Gassen der Altstadt von jungen Männern bedrängt wird, sucht sie am nächsten Tag Tareq in seinem Kaffehaus auf.

Gemeinsam flanieren die beiden durch die flirrend leuchtenden Suks, genießen eine romantische Bootsfahrt auf dem Nil, eine arabische Hochzeitsfeier bei Tareqs verflossener Liebschaft Yasmeen (Amina Annabi) und am Ende sogar die Pyramiden im schimmernden Morgenrot. An seiner Seite findet Juliette langsam jene Dichte und Wärme des Lebens, um die intensiven Sinneseindrücke der fremden Kultur unvoreingenommener respektieren zu können. Die Schattenseiten werden dabei dennoch nicht gänzlich ausgespart. „Juliette, wir hier glauben an das Schicksal“, beschwört der agile Ägypter die sagenhafte Welt von Tausendundeiner Nacht, die sich mit ihrem Aphorismus „Wende dich ab von den Sorgen, überlass die Dinge dem Schicksal“ immer noch den gewohnt kontrollierenden westlichen Denkmustern entzieht.

Normalerweise geht es bei solchen Romanzen um die Herzschmerzen jugendlicher Heldinnen und nicht um die Gefühle einer reifen Frau. Die kanadisch-syrische Regisseurin Ruba Nadda dagegen stellt mutig eine Frau um die Fünfzig ins Zentrum ihrer zart angedeuteten, wehmütigen Liebesgeschichte zwischen Ost und West. Ihr sensibler Film über vielleicht verpasste Chancen, Entscheidungen des Herzens und die schicksalshafte Zufälligkeit des Lebens ist von jener Leichtigkeit, die durch Zurückhaltung entsteht. Beweglich folgt die Kamera den Figuren, kommt ihnen immer wieder sehr nahe und atmet dabei die Atmosphäre von Kairo. Trotz Stimmungsbildern, wie sie auf Reiseprospekten auftauchen, wie der Ruf des Muezzin auf dem Minarett, stolze Kamele im gleißenden Sonnenlicht, bizarre Wüstenmeere, oder die bunte Vielfalt der Läden im Bazarlabyrinth entsteht nicht das Gefühl, Postkartenklischees vorgegaukelt zu bekommen.

Obwohl die Handlung minimalistisch ist, verführt die amouröse Geschichte in ihrer fragilen Vagheit und Zögerlichkeit, die Dinge in der Schwebe lässt. Der emotionale Aufruhr spielt sich einzig in der dezenten Körpersprache ab, ohne lange Dialoge. Für manche Schauspieler sicher eine nicht zu bewältigende Herausforderung. Andere dagegen, wie die oscarnominierte Charakterdarstellerin Patricia Clarkson blühen auf. Die 51jährige aus New Orleans versteht es meisterhaft, ein Frauenporträt zwischen verhaltener Erotik und Kontemplation, Wehmut und Erwartung zu zeichnen. Ihre klaren Züge und ihre Fähigkeit, Freude und Traurigkeit durch die beiläufige Eleganz ihres fein nuancierten Mienenspiels blicken zu lassen, gingen sicher in der groben Dramaturgie manch eines Hollywood-Mainstreamfilm unter.

Nicht selten droht mädchenhafte Elfenhaftigkeit bei einer reifen Frau als uneingelöstes Versprechen zur Pose zu erstarren. Nicht so bei der versierten Schauspielerin, die soweit mit dem Charakter ihrer Figur verwachsen ist, dass sie mit einem einzigen kurzen Blick mehr zu sagen vermag als mit tausend Worten. In seiner radikal minimalistischen Inszenierung erinnert „Cairo Time“ streckenweise an Sofia Coppolas Indie-Smash-Hit „Lost in Translation“, eine Zufallsbekanntschaften-Romanze der kleinen Gesten zwischen der jungen Scarlett Johansson und Bill Murray als misanthropischem Alt-Star. Aber auch die schlichte stimmige Erzählminiatur des Kultfilms „Before Sunrise“ von Richard Linklaters, natürlich ohne den typisch verschlungenen Dialogstrudel, könnte Pate gestanden haben.

Luitgard Koch

Juliette will mit ihrem Mann Marc in Ägypten Urlaub machen. Er ist bei der UNO angestellt. Unglücklicherweise wird er lange in Gaza festgehalten. Vorläufig schickt er Tareq, einen früheren Mitarbeiter von ihm; der soll Juliette am Flughafen abholen und ihr verschaffen, was sie braucht.

Juliette hat nicht die Wahl. Sie muss in Kairo im Hotel warten. Warten und immer wieder warten. Nur telefonieren kann sie. Marc wird viel länger zurückgehalten als ursprünglich geplant.

Juliette wird als Weiße beim Spazierengehen unentwegt von Männern angestarrt und belästigt. Sie nimmt deshalb zu Tareq Zuflucht, der gerade in einer Bar für Männer Schach spielt. Die beiden flanieren. Tareq will Juliette zu den Pyramiden führen, doch sie will sich diesen Ausflug unbedingt für Marc aufsparen.

Tareq trifft Jasmeen, in die er früher sehr verliebt war, die jedoch einen anderen heiratete.

Juliette will zu ihrem Mann nach Gaza reisen, wird aber an der Grenzstation nicht durchgelassen. Sie lernt auf der Fahrt Katryn kennen, die ihr, weil sie schwanger ist, einen verzweifelten Brief an ihren Liebsten mitgibt, der sie jedoch nicht ehelichen will.

Tareq und Juliette besuchen die Hochzeit von Jasmeens Tochter.

Schon lange hat sich zwischen ihnen ein zartes unausgesprochenes Liebesverhältnis angebahnt, das indessen auf seine Erfüllung verzichten muss. Tareq ist viel zu nobel, als dass er etwas forcieren würde, und Juliette scheint ihren Mann zu sehr zu lieben. Aber es knistert, die Spannung, eine schöne Spannung, ist da.

Tareq und Juliette küssen sich auf die Wangen, fahren jetzt sogar zu den Pyramiden von Gizeh.

Marc kommt zurück. Sehnsuchtsvoll jedoch für immer schauen sich Juliette und Tareq noch einmal nach.

Mit einem enormen Feingefühl ist das mental und formal gemacht. Kairo, die von Leben und Trubel überströmende Stadt, bildet eine phantastische, einbezogene Kulisse.

Zarter kann man sich eine Liebesgeschichte nicht vorstellen. Patricia Clarcson spielt diese Juliette wunderbar. Und Alexander Siddig als Tareq steht ihr in nichts nach. Eine sehr schöne Arbeit der Regisseurin Ruba Nadda.

Thomas Engel