Call Me By Your name

Bei den Kritik-Auswertern „MetaCritic“ und „Rotten Tomatoes“ bekam diese Lovestory die Traumquote von superlativen 98 Prozent Lob (Stand Ende September 2017). In Sundance tobte das Publikum, auf der Berlinale hingegen hat die Teddy-Jury das Werk verpennt. Peinlich, peinlich, sind die Klassiker-Qualitäten doch augenfällig. Da wäre die radikal romantische Liebesgeschichte zwischen einem 17-jährigen, ungestümen Schöngeist und einem 24-jährigen US-Sonnyboy im sommerlichen Bella Italia der frühen 80er Jahre. Ein bewegendes Vater-Sohn-Gespräch, wie es großartiger im Kino wohl noch nicht zu sehen war. Last not least verliert auch der Pfirsich hier auf immer seine Unschuld. Sinnliches Gefühlskino, wie es eben nur die Italiener mit solch raffinierter Grandezza beherrschen. Der Oscar-Call dürfte da gleich mehrfach erfolgen.

Webseite: www.callmebyyourname.de

Italien, Frankreich 2017
Regie: Luca Guadagnino
Darsteller: Armie Hammer, Timothée Chalamet, Michael Stuhlbarg, Amira Casar, Esther Garrel
Filmlänge: 132 Minuten
Verleih: Sony Pictures Releasing GmbH
Kinostart: 1. März 2018

FILMKRITIK:

„Jetzt teilen wir uns das Bad!“, empfängt der 17-jährige Elio (Timothée Chalamet) freundlich den neuen Gast, für den er sein eigenes Zimmer räumt und in die anliegende Abstellkammer zieht. Wie immer hat Elios Vater, ein Professor für Archäologie, auch in diesem Sommer 1983 einen Studenten als wissenschaftliche Hilfskraft auf dem gemütlichen Landsitz der Familie einquartiert. Diesmal kommt der 24-jährige Doktorand Oliver (Armie Hammer) aus den USA zu Besuch. Der gutaussehende Amerikaner avanciert schnell zum Schwarm der weiblichen Dorfjugend. Die Gasteltern erliegen gleichfalls dem Charme des redegewandten Besuchers. Nur Sohn Elio gibt sich auffallend abweisend gegenüber dem Sonnyboy. Auf dessen harmlose Berührung beim Sport reagiert der Teenager fast panisch. Zugleich ist er schwer fasziniert von dem selbstbewussten Charmeur.
 
Bei gemeinsamen Ausflügen kommt man sich schließlich näher. Bevor er ganz den Kopf verliert, stürzt sich der verunsicherte Teenager lieber in den Flirt mit der hübschen Marzia, die ihn schon lange anschwärmt. Ein bisschen will er damit natürlich seinen Oliver eifersüchtig machen. Je mehr Zeit die Jungs miteinander verbringen, desto größer wächst die Zuneigung und steigt das Begehren. Ganz so einfach ist die Sache jedoch nicht. Je forscher Elio auftritt, desto zögerlicher reagiert der Freund. Es sei noch nichts passiert, wessen man sich schämen müsse, kommentiert er den verweigerten Kuss. Enttäuscht tröstet sich der Verschmähte spontan mit einem Pfirsich. Aber aufgeben wird er nicht. Gegen die italienische Charme-Offensive hat der amerikanische Widerstand ohnehin keine Chance. Frei nach Goethe gilt: „Halb zog er ihn, halb sank er hin.“ Die Wege zum Liebesglück sind gleichwohl holprig. Zwar nennt man, titelgebend, den anderen fortan als Zeichen der besonderen Vertrautheit mit dem eigenen Namen an oder verbringt schöne Tage in den Bergen. Aber ein Happy End steht in den Sternen.
 
Mit der Verfilmung des E. M. Forster-Romans „Maurice“ gelang James Ivory vor 30 Jahren ein Klassiker des Queer-Kinos. Das dürfte nun auch mit dieser Adaption des Romans von André Aciman (Deutscher Titel: Ruf mich bei deinem Namen) gelingen. Mit mittlerweile fast 90 Jahren beschränkte sich Ivory diesmal als Ko-Autor auf das Drehbuch, die Regie übernahm Luca Guadagnino, der 2015 mit dem „Swimmingpool“-Remake „A Bigger Splash“ beim Filmfest Venedig auf sich aufmerksam machte.
 
Als echter Italiener weiß Guadagnino natürlich bestens, wie er seine Heimat am schönsten in Szene setzt. Sonnendurchflutete Landschaften. Paradiesisch anmutende Gärten. Idyllische Flüsse und Küsten. Pittoreske Dörfer mit palavernden Bewohnern. In der vornehmen Villa von Emilios vermögenden Eltern lässt sich zudem sehr entspannt über Gott und die Welt und die letzten Probleme der Menschheit philosophieren. Ähnlich entschleunigt wie die Einheimischen, geht auch der Regisseur vor. Wenn die Jungs bei ihrer Radtour eine Bäuerin um Wasser bitten, warten auch die Zuschauer gefälligst mit, bis die Alte wieder aus der Küche zurückkommt. Ebenfalls ganz ohne Hektik verläuft die Bergtour des Duos. Drei Versionen hatte er im Schneideraum, erzählt der Regisseur. Eine schnelle, wie fürs Fernsehen. Eine mittlere à la konventionelles Kino. Sowie schließlich jene dritte, die er verwendet habe. Bemerkenswert dabei, dass solcher Mut zur Länge nicht zur Langatmigkeit gerät. Vielmehr erlaubt er den Figuren genügend Zeit zur Entfaltung. Die brauchen sie tatsächlich dringend, schließlich stecken sie voller Widersprüche und Unsicherheiten.
 
Minimalistischer fallen die Interaktionen zwischen den Figuren aus. Da genügen kurze Blicke und kleine Gesten statt vieler Worte. Bisweilen fühlt man sich fast wie in einem Stummfilm. Wenn schon Dialoge, dann aber richtig: Ob augenzwinkernd als endloser Wortschwall über Politik beim Abendbrot, wie er italienischer kaum ausfallen kann. Oder sehr berührend, als intimes Vater-Sohn-Gespräch über Sex, Liebe und das Leben – wie es großartiger im Kino wohl noch nicht zu sehen war. Michael Stuhlbarg erweist sich dabei einmal mehr als Darsteller der Extraklasse. Mit dieser Rolle und jener in „The Shape of Water“ dürfte er gleich zwei Eisen im aktuellen Oscar-Rennen haben.

Die Ignoranz der „Teddy“-Jury auf der letzten Berlinale könnte bei der nächsten wohl ausgebügelt werden. Schon jetzt gilt Guadagnino als heißer Favorit fürs Bären-Rennen mit seinem Dario Argento-Remake „Suspiria“ mit Tilda Swinton, Ingrid Craven und Angela Winkler.

Ach ja, der Pfirsich: Man erfährt dessen etymologische Herkunft. Sowie neue, überraschende Verwendungsmöglichkeiten für das süße Früchtchen – aber das sollte man besser selbst ansehen.

Dieter Oßwald