Camino a La Paz

In dem von reichlich Schwermut und leisem Witz durchzogenen Roadmovie „Camino a La Paz“ unternehmen ein 35-jähriger Herumtreiber und ein todkranker, alternder Moslem eine mehrere Tage andauernde Reise. Das Problem: die beiden könnten verschiedener nicht sein und kommen nicht gerade gut miteinander aus. Der Regie-Erstling von Francisco Varone lebt vom Schwung und der Unvorhersehbarkeit, die die Beziehung der beiden Männer auszeichnet. Ihm gelingt mit „Camino a La Paz“ ein kleiner, feiner Film über zwei komplexe Charaktere, die auf ihrem Trip allerlei überraschende Ereignisse erleben.

Webseite: www.im-film.de

Argentinien 2015
Regie & Drehbuch: Francisco Varone
Darsteller: Rodrigo de la Serna, Ernesto Suarez, Elisa Carricajo, Maria Canale
Länge: 94 Minuten
Kinostart: 07. Juni 2018
Verleih: imFilm

FILMKRITIK:

Sebastián (Rodrigo de la Serna) ist Mitte 30 und treibt weitestgehend ziellos durchs Leben. Er hat ohnehin nur zwei Leidenschaften im Leben: seine Rockband Vox Dei und seinen liebevoll hergerichteten Peugeot 505. Etwas zu kurz kommt da seine Freundin Jazmín (Elisa Carricajo), die sich sehnlichst ein Kind wünscht. Weil die Beiden in großer Armut leben, geht Sebastián eines Tages auf ein ebenso außergewöhnliches wie lukratives Jobangebot ein: mit seinem Peugeot fährt den greisen Jalil (Ernesto Suarez) von Buenos Aires ins bolivianische La Paz. Von dort aus will der streng gläubige Jalil irgendwie nach Mekka kommen. Das Problem ist die lange, mehrere Tage dauerende Fahrt, da sich Jalil und sein „Chauffeur“ nicht besonders gut verstehen. Doch Sebastián braucht das Geld und nimmt deshalb alle Ärgernisse in Kauf.

Der Titel des Regie-Debüts von Francisco Varone ist doppeldeutig. „Camino a La Paz“ kann zum einen „Der Weg nach La Paz“ bedeuten, man kann den Satz aber auch mit „Der Weg zum Frieden“ übersetzen. Varone arbeitete zuvor viele Jahre für das argentinische Fernsehen, u.a. für eine TV-Serie sowie eine Doku-Reihe. Er und sein Team drehten „Camino a La Paz“ an Original-Schauplätzen, darunter in Buenos Aires sowie in der argentinischen Kleinstadt La Falda. Das Budget betrug rund 650 000 Euro.

Das melancholische Roadmovie, das von einem impulsiven und dringlichen (Gitarren-) Soundtrack vorangetrieben wird, lebt ganz von der außergewöhnlichen Beziehung der beiden Protagonisten. Und von deren Unterschiedlichkeit. Sebastián ist ein sehr auf seine eigenen Bedürfnisse fixierter, eher unreifer Mann, der zu Beginn der Reise einzig an das Geld denkt. Jazmín, mindestens doppelt so alt wie Sebastián, sieht aufgrund eines Nierenleidens dem Tod ins Auge und hat nur noch ein Ziel im Leben: er will nur noch ein letztes Mal nach Mekka, dem zentralen Wallfahrtsort des Islam.

Diese Verschiedenheit führt gerade zu Beginn oft zu Streitereien und Meinungs-verschiedenheiten, die Varone mit intelligentem Wortwitz und feinfühligem Humor herausarbeitet. Außerdem kommt es während des Trips immer wieder zu herrlich skurrilen, schrägen Situationen, bei denen Heiterkeit und Tragik jedoch oft auch sehr nah beieinander liegen. So z.B. wenn Jalil aufgrund einer Darmerkrankung ständig auf Toilette muss und Sebastián deshalb quasi stündlich nicht nur anhalten, sondern seinem gezeichneten Mitfahrer auch noch zur Hand gehen muss. Nicht zu vergessen: Jalils Angewohnheit, im Auto Knoblauch zu essen und sein Wunsch, während der Reise ausgedehnte „Gebets-Pausen“ einzulegen.

Gut ist, dass Varone der Religions-Thematik im Film aber nicht zu viel Raum und Bedeutung zukommen lässt sondern sich stattdessen ganz auf das Miteinander der beiden Reisenden konzentriert. Zwei Männer, die im Laufe der Zeit zudem eine entscheidende Wandlung durchlaufen. Sie lernen und profitieren voneinander. So entsteht eine zwischenmenschliche Dynamik, wodurch weder die Dramaturgie noch die Handlung von „Camino a La Paz“ zum Stillstand kommen.

Zu verdanken ist dies nicht zuletzt der Tatsache, dass die beiden Hauptdarsteller Rodrigo de la Serna und Elisa Carricajo phantastisch miteinander harmonieren und ihre Rollen beherzt und hingebungsvoll verkörpern. Und ebenso das inszenatorische Feingefühl von Varone trägt dazu bei. Ein Regisseur, der hier nie den Respekt vor seinen komplexen Figuren verliert und sich ihren Ängsten, Sorgen und divergierenden Charaktereigenschaften sehr ausführlich und konzentriert widmet.

Björn Schneider