Campus Galli

Auf der riesigen Klosterbaustelle „Campus Galli“ im westlichen Oberschwaben entsteht jeden Tag ein Stück Mittelalter: Mehrere Dutzend Handwerker und Ehrenamtliche errichten dort ohne moderne Maschine eine gewaltige karolingische Klosterstadt. Die Langzeit-Doku „Campus Galli“ begleitet den Bau, lässt Anwohner sowie Mitstreiter zu Wort kommen und beleuchtet alle Facetten des ehrgeizigen Vorhabens.

Webseite: www.campus-galli.de

Deutschland 2019
Regie & Drehbuch: Reinhard Kungel
Länge: 90 Minuten
Kinostart: 11. Juli 2019
Verleih: Mindjazz Pictures

FILMKRITIK:

Im beschaulichen Ort Meßkirch (Baden-Württemberg) erwacht das frühe Mittelalter zu neuem Lebe. Männer und Frauen bauen dort auf einem entlegenen Waldgelände eine komplette Klosteranlage nach dem berühmten St. Galler-Klosterplan. Dabei handelt es sich um eine aus dem neunten Jahrhundert stammende Architekturzeichnung, die den idealen Grundriss einer Klosterstadt zeigt. Dieser Plan diente etlichen europäischen Klöstern als Vorbild, wurde aber nie Eins zu eins umgesetzt – bis zum Jahr 2013. Seit dieser Zeit wird die Anlage errichtet. Das Besondere: Gearbeitet wird mit den Techniken und Werkzeugen der Vorromanik. Eine gewaltige Herausforderung.

Seit mehr als drei Jahren begleitet Filmemacher Reinhard Kungel das ambitionierte Bauvorhaben, dessen Ende noch lange nicht erreicht ist. Schätzungen zufolge wird sich die Gesamtbauzeit des Komplexes auf rund 40 Jahre belaufen. Kungel, der den Film in Zusammenarbeit mit dem SWR realisierte, ist seit den mittleren 80er-Jahren als Filmschaffender aktiv. Er inszenierte in seiner langen Karriere solch unterschiedliche Formate und Genres wie Biographien, Essays, Dokus sowie Musik- und Reisefilme.

Kungel ist ein Mann, der sich für seine filmischen Beobachtungen Zeit nimmt und sich für die Befragten interessiert. Das merkt man in den vielen ausführlichen Interviews, in denen er seinem Gegenüber nicht ins Wort fällt und lange zuhört. Die Folge: Die Interviewten fassen schnell vertrauen und geben spannende Details ebenso wie persönliche Ansichten und innere Befindlichkeiten Preis. Wie zum Beispiel Hannes Napierala, Geschäftsführer des von einem Verein getragenen Projekts „Campus Galli“. Beherzt und offen äußert der Archäologe Kungel gegenüber, woran es mangelt und warum es auf der rund 25 Hektar großen Baustelle nicht so schnell vorwärts geht wie geplant.

Je weiter man mit dem Bau der Anlage vorankomme und je größer die Anzahl der fertigen Gebäude, desto mehr begeisterte Besucher (der Bauplatz ist seit 2013 für Interessierte geöffnet) kämen vorbei, sagt er an einer Stelle. Es ist ein Domino-Effekt, von dem letztlich auch der Erfolg des Megaprojekts abhängt: Bleiben die Besucher aus, fehlen die Einnahmen. Das wiederrum hat zur Folge, dass die viele Arbeiter und Handwerker nicht mehr vernünftig entlohnt werden können. Diese ökonomischen Aspekte sowie der allgemeine, auf den Verantwortlichen lastende Erfolgsdruck sind in „Campus Galli“ allgegenwärtig. Etwa während der Baustellen-Inspizierung mit den Wissenschaftlern, bei Präsentationen mit Verantwortlichen der Kommune oder wenn sich die Bewohner von Meßkirch dem Projekt gegenüber wieder einmal sehr kritisch äußern. „Sie kommen 1000 Jahre zu spät“, meint einer.

Darüber hinaus aber richtet Kungel seine volle Aufmerksamkeit den Bauarbeiten. Diese Aufnahmen sind beachtlich denn sie verdeutlichen nachhaltig, welch immense Aufgaben vor den Arbeitern liegen. Die Goldschmiede, Steinmetze, Agrarbiologen, Zimmermänner und Uhrenmacher müssen dabei mit dem Auskommen, was ihnen die Natur vor Ort zur Verfügung stellt.

Bei der Errichtung der 70 Meter hohen Abteikirche müssen fast 15 000 Holzschindeln angefertigt und ins Kirchendach eingefügt werden. Die Handwerker gießen Glocken, tragen hundert Kilo schwere Steinplatten ins Innere, hauen Balken mit Äxten und verzieren den Chorschranke in detailversessener Kleinarbeit – alles per Hand. Die Tätigkeiten sind mühsam, dennoch wirken die Angestellten nie überfordert oder gestresst, im Gegenteil: die Arbeit inmitten der Natur, abseits vom Alltagsstress und ganz ohne Smartphones, scheint zufriedenstellend und vollends erfüllend zu sein. 

Björn Schneider