Capernaum – Stadt der Hoffnung

Ein Straßenkind in Beirut verklagt seine Eltern, weil sie ihn ohne Chance auf ein würdiges Leben in tiefste Armut geboren haben. – Auf dem schmalen Grat zwischen erschütterndem Sozialrealismus und marktschreierischer Ausbeutung von Elend bewegt sich die libanesische Regisseurin Nadine Labaki mit ihrem dritten Film „Capernaum – Stadt der Hoffnung“. Seit seiner Premiere in Cannes, wo er den Großen Preis der Jury erhielt, weiterhin vielfach ausgezeichnet, sollte das harsche Sozialdrama auch in Deutschland viele Diskussionen auslösen, denn er beschäftigt sich auf radikale Weise mit dem Problem des Schicksals von Straßenkindern im besonderen und der Überbevölkerung im allgemeinen

Webseite: www.alamodefilm.de

Capharnaüm
Libanon 2018
Regie: Nadine Labaki
Buch: Nadine Labaki, Jihad Hojeily, Michelle Kesrouani, Georges Khabbaz, Khaled Mouzanar
Darsteller: Zain Al Rafeea, Yordanos Shiferaw, Boluwatife Treasure Bankole, Kawthar Al Haddad, Fadi Kamel Youssef, Cedra Izam
Länge: 121 Minuten
Verleih: Alamode
Kinostart: 17. Januar 2019

PRESSESTIMMEN:

 "Ein authentischer, herzzerreißender Film, den man nicht so schnell vergisst. Unbedingt sehenswert!”
ZDF heute journal

FILMKRITIK:

Zain (Zain Al Rafeea) ist vielleicht zwölf Jahre alt, so genau kann man das nicht sagen, denn er sieht zwar deutlich jünger aus, agiert aber viel erwachsener und so gar nicht wie das Kind, das er eigentlich noch ist. Kein Wunder, hat er sein Leben doch auf den Straßen von Beirut verbracht, schon früh gelernt, sich alleine durchzuschlagen, zu leben, zu überleben. Als eines von viel zu vielen Kindern seiner Eltern (Kawthar Al Haddad und Fadi Kamel Youssef) musste er mitansehen, wie seine noch jüngere Schwester Sahar (Cedra Izam) verkauft wurde: Für den Preis von ein paar Hühnern, vor allem aber, da so ein Maul weniger zu stopfen war.
 
Da hatte Zain genug und haute ab, schlug sich allein durch, bis er in der äthiopischen Putzfrau Rahil (Yordanos Shiferaw) endlich einmal eine freundliche Seele kennenlernte. Doch auch Rahil verschwand eines Tages und so kümmerte sich Zain um Rahils kleinen Sohn Yonas (Boluwatife Treasure Bankole), der jedoch bald die Gier von Menschenhändlern erregte.
 
All dies wird in langen Rückblenden erzählt, in denen Zain vor Gericht von seinem Schicksal erzählt. Im Knast ist er ohnehin, denn er hat einen Mann erstochen, doch nun ist er selbst Ankläger: Er verklagt seine Eltern dafür, dass sie ihn geboren und dadurch zu einem Leben im Elend verurteilt haben. Für ihn selbst kommt zwar jede Rettung zu spät, aber er möchte erreichen, dass seinen Eltern verboten wird, weitere Kinder in die Welt zu setzen, für die sie nicht sorgen können.
 
Subtil ist Nadine Labakis dritter Spielfilm „Capernaum“ in keinem Moment, aber das will ihre wütende Anklage auch gar nicht sein, und vielleicht kann man sich mit so einem Thema auch nicht differenziert und zurückhaltend auseinandersetzen. Natürlich ist die Idee eines 12jährigen, der seine Eltern verklagt, weil sie ihn geboren haben, ein filmisches Konstrukt, dass aber eine Frage aufwirft, die ebenso heikel wie relevant ist: Warum werden gerade in den ärmlichen Verhältnissen, wie sie in den Slums von Beirut – aber auch in unzähligen anderen Gegenden in aller Welt – existieren, so viele Kinder geboren? Gerade hier wäre Geburtenkontrolle vonnöten, gerade hier ist der Einfluss der Religion besonders problematisch und verurteilt die immer neuen Kinder im besten Fall zur Armut, im schlimmeren Fall zu Schicksalen, die man sich nicht vorstellen mag.
 
Aufrührerisch und wütend ist Labakis Film in diesen Szenen, melodramatisch und rührselig, wenn sie die Bilder mit pathetischer Musik unterlegt, was sie allzu häufig tut. Ganz unnötig, denn wie die besten Szenen zeigen (und davon gibt es viele) hat sie mit Zain Al Rafeea einen erstaunlichen Hauptdarsteller gefunden. Der hier weniger eine Rolle spielt, als eine Variation seiner selbst, dabei aber eine gleichermaßen eindrucksvolle, wie erschreckende Authentizität an den Tag legt.
 
Wie er sein Leben meistert, sich in der harten Welt des Slums zurechtfindet, überlebt, bald auch den kleinen Yonas betreut, ist enorm intensiv geschildert, mit einer Kamera auf Augenhöhe der Kinder gefilmt, als quasi dokumentarische Beschreibung eines Lebens am untersten Ende der sozialen Leiter. Wuchtiges, emotionales, manchmal auch emotionalisierendes Kino ist Nadine Labakis „Caparnaum“, das vieles tut, aber gewiss nicht kalt lässt.
 
Michael Meyns