Capital C

Immer mehr angehende Unternehmer, aber auch unabhängige Künstler bedienen sich einer neuen Methode, um ihre Projekte zu finanzieren: Crowdfunding heißt das Zauberwort, dass von manchen – darunter die Regisseure der Dokumentation „Capital C“ – als Revolution gefeiert wird. Ob das wirklich so ist bleibt auch nach 89 Minuten offen, denn Timon Birkhofer & Jorg M. Kundiger haben kein Interesse an einer kritischen Beschreibung des Themas.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

USA/ Deutschland 2014
Regie, Buch: Timon Birkhofer & Jorg M. Kundiger
Dokumentation
Länge: 89 Minuten
Verleih: farbfilm Verleih
Kinostart: 24. September 2015

FILMKRITIK:

Früher waren Märkte beschränkt, oft regional oder national, war es für unabhängige Unternehmer kaum möglich, potentielle Kunden in anderen Ländern oder gar anderen Erdteilen zu erreichen. Dass Internet hat dies geändert, was bedeutet, dass zumindest potentiell ein globaler Markt von einigen tausend oder zehntausend Menschen ausreicht, um ein Nischenprodukt profitabel zu machen. Mehr als ohnehin schon verlangt dieses Potential aber nach origineller Vermarktung, der es gelingt, Interesse an einer Idee zu wecken. Wenn dieser Pitch, das Anpreisen einer Idee originell ist, dann finden sich möglicherweise sogar Menschen, die Geld in die Entwicklung eines Produktes stecken, dass noch gar nicht existiert. Man zahlt also nicht für ein Produkt, das man kaufen möchte, sondern für eine Idee, von der man gern hätte, dass sie zu einem Produkt wird.
 
Das ist in etwa die Idee von Crowdfunding, für das man sich auf Internetseiten wie kickstarter, startnext, seedmatch und zahlreichen anderen bewerben kann. Auf einer dieser Seiten wurde auch das Filmprojekt von Timon Birkhofer und Jorg M. Kundiger beworben, finanziert und findet nun den Weg ins Kino: „Capital C“ behauptet von sich, die erste Dokumentation über das Phänomen Crowdfunding zu sein, ist allerdings weniger eine differenzierte Auseinandersetzung mit einem fraglos interessanten Phänomen, als eine unverhohlene, sehr amerikanisches Werbung für eine nicht unproblematische Form der Geldbeschaffung.
 
Zwar haben die Regisseure auch einige Wirtschaftswissenschaftler, Kulturmanager und Internetexperten interviewt, doch deren kurze Statements sind so reduziert, dass kaum mehr als Phrasen übrig bleiben. Der Fokus von „Capital C“ liegt schließlich auf drei amerikanischen Unternehmern, deren Projekte die Filmemacher begleitet haben.

Da ist zum einen der Software-Entwickler Brian Fargo, der in den 80er Jahren ein berühmtes Computerspiel geschrieben hatte, von dem nun eine Fortsetzung entstehen soll. Dann der Graphiker Jackson Robinson, der Spielkarten mit den Motiven der amerikanischen Präsidenten herstellen möchte. Und schließlich der Spät-Hippie Zach Crain, der unter dem Namen Freakster USA wollene Flaschenüberzüge verkauft. Drei unterschiedliche Produkte und auch drei Erfolgsgeschichten, die beweisen, dass auch mehr oder weniger obskure Ideen in den weiten des Internets ihre Unterstützer finden können.
 
Unterlegt werden diese Erfolgsgeschichten mit euphorischen Kommentaren im Stil von „Jeder hat Ideen, man muss sie nur umsetzen“, „Heutzutage gibt es keine Ausreden mehr“ und manchen anderen Sprüchen, die direkt aus Motivationsseminaren für angehende Unternehmer zu stammen scheinen. Dass ein Großteil der Crowdfunding Projekte nie zu Stande kommt, manche auch eindeutig betrügerische Absichten haben – denn ihr Geld bekommen die „Investoren“ im Falle eines Scheitern des Projekts natürlich nicht zurück – bleibt weitestgehend außen vor. Diese einseitige, unkritische Verklärung des Konzepts Crowdfunding ist schade und verhindert letztlich, dass aus „Capital C“ ein wirklich vielschichtiger Film zu einem fraglos spannenden Thema wird.
 
Michael Meyns