Captain Abu Raed

Mit seinem sensiblen Drama „Captain Abu Raed“ über die Macht der Fantasie, die Kraft der Hoffnung und der Fähigkeit zur Vergebung wurde auch für Regisseur Amin Malqua ein modernes Märchen wahr. Es ist der erste jordanische Spielfilm, der außerhalb seines Heimatlandes zu sehen ist. Zudem fand der 32jährige mit dem in Großbritannien lebenden charismatischen Nadim Sawalha ("Syriana") die perfekte Besetzung für die Hauptrolle seines preisgekrönten, kleinen Filmjuwels.

Webseite: www.mfa-film.de

Jordanien 2007
Regie und Buch: Amin Matalqa
Darsteller: Nadim Sawalha, Rana Sultan, Hussein Al-Sous, Udey Al-Qiddissi, Ghandi Saber, Dina Ra’ad-Yaghnam, Mohammad Quteishat, Nadim Mushahwar, Faisal Majali, Lina Attel, Ali Maher
Länge: 110 Minuten, Format: 35mm, Farbe
Verleih:  MFA
Kinostart: 12.3.2009

PRESSESTIMMEN:

Ein Sieg der Menschlichkeit… Ein bewegender Beitrag an die unsichtbaren Menschen in unserer Welt, die unser Leben verändern könnten.
The Hollywood Reporter

FILMKRITIK:

Außer dem Queen Alia International Airport im jordanischen Amman kennt Abu Raed (Nadim Sawalha) fast nichts von der Welt. Der Witwer putzt dort. Nach dem Tod seiner Frau und dem Verlust seines Sohnes lebt der alte, resignierte Mann sehr zurückgezogen. Doch als er eines Tages die Mütze eines Flugkapitäns findet und sie auf dem Heimweg trägt, ändert sich sein einsames Leben schlagartig. Denn für die Kinder in seinem ärmlichen Viertel ist er nun, getreu dem Motto „Kleider machen Leute“,  Captain Abu Raed. Gutmütig gibt er ihrem Drängen nach und fügt sich in seine neue Rolle, die seinem Ego schmeichelt.

Und schon bald sitzt der belesene Abu Raed, wie ein orientalischer Märchenerzähler, inmitten der Kinderschar und berichtet blumig von den Abenteuern auf seinen fiktiven Reisen. Damit schlägt er alle in seinen Bann. Nur Murad (Hussein Al-Sous) bleibt misstrauisch. „Glaub, was Du willst“, stichelt der Außenseiter bei seinem Freund Tareq (Udey Al-Quiddissi), „er ist kein Pilot.“  Denn so seine feste Überzeugung: „Leute, wie wir, werden keine Piloten“. Selbst unglücklich, von seinem alkoholkrankem Vater verprügelt, missgönnt Murad seinen Freunden ihre kleinen Fluchten in eine bessere märchenhafte Welt.

Mit dem gestohlenen Haushaltsgeld seiner Mutter bezahlt er für die Clique ein Taxifahrt zum Flughafen, um ihnen ihre Illusionen zu rauben. Trotz dieser für ihn demütigenden Enttarnung trägt Abu Raed dem verbittertem Jungen nichts nach. Schließlich weiß er, um die häusliche Gewalt. Verzweifelt sucht er nach einem Ausweg für ihn. Mit der 30jährigen Pilotin Nour (Rana Sultan) erscheint ihm ein rettender Engel. Die privilegierte Frau aus reichem Hause wehrt sich gerade vehement gegen ihre Verheiratung. Alte Moralvorstellungen und neue Freiheit kämpfen dabei miteinander. Denn unverheirateten Frauen in ihrem Alter steht die jordanische Gesellschaft relativ verständnislos gegenüber.

Mit ruhigen Einstellungen entwirft der deutsche Kameramann Reinhart ’Ray’ Peschke zunächst in klaren, harmonischen Bildern behutsam ein vielschichtiges Portrait der jordanischen Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne. Die anfängliche lyrische Stimmung ändert sich freilich schlagartig am Turning Point der Geschichte, als die raue Realität einbricht. Durch unruhige düstere Aufnahmen und schnelle Reißschwenks macht Peschke das beklemmende soziale Elend sichtbar. Dennoch verliert das Kleinod  nicht seine positive Grundhaltung.

Das verdankt der Film nicht zuletzt dem charismatischen Schauspieler Nadim Sawalha. Beeindruckend verkörpert er jede Facette seiner Rolle. Mühelos wechselt er vom altersmüden Mann zum fulminanten Märchenerzähler, vom verschwörerischen Kumpel zur tröstenden Vaterfigur. Bewegend meistert er die Szene als er von Murad enttarnt und gedemütigt wird. Sein Lächeln, seine tiefgründigen, traurig zärtlichen Blicke verzaubern den Film, ohne ins Sentimentale abzugleiten.

Das Regiedebüt von Amin Matalqa besticht vor allem durch sein perfektes Gespür für die Balance zwischen feinem Humor und Sozialdrama. Sein poetisches Plädoyer für Zivilcourage und den Glauben an die eigene Kraft transportiert keinesfalls die amerikanische Hollywoodlegende vom Tellerwäscher zum Millionär als zentrale Botschaft der Geschichte. Vielmehr gelingt dem 32jährigen, ohne belehrend zu sein, eine humanistische Hommage an unmittelbare Menschlichkeit. Allein deshalb bleibt der Film, den eine 90-Personen-Crew aus 14 verschiedenen Nationalitäten stemmte, glaubwürdig. Obwohl in der letzten Einstellung dieses modernen Kinomärchens der erwachsene Murad tatsächlich als Pilot am Flughafen in Amman steht.

Luitgard Koch

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