Captain Fantastic

Eine Utopie, die in der Gegenwart spielt ist Matt Ross' „Captain Fantastic“, ein Film über eine Außenseiterfamilie, der die Grenzen der Individualität auslotet. Viggo Mortensen brilliert einmal mehr als Vater, der seine sechs Kinder fern der Zivilisation zu frei denkenden, autarken Personen erziehen will, dabei aber übersieht, dass er zunehmend einem Sektenanführer ähnelt.

Webseite: www.captain-fantastic-film.de

USA 2016
Regie & Buch: Matt Ross
Darsteller: Viggo Mortensen, Frank Langella, George Mackay, Kathryn Hahn, Steve Zahn, Ann Dowd
Länge: 120 Minuten
Verleih: Universum, Vertrieb: 24Bilder
Kinostart: 18. August 2016
 

FILMKRITIK:

Geschickt schleichen sie durchs Unterholz, die Haare wild, die Gesichter mit bunter Kriegsbemalung verziert. Wie ein Spiel im Ferienlager wirkt es, was die sechs Kinder Bodevan, Kielyr, Vespyr, Rellian, Zaja und Nai hier machen, bis sie einen Hirsch erlegen und fachkundig ausnehmen. Etwas später sitzt das Sextett zusammen mit seinem Vater Ben (Viggo Mortensen) um das Lagerfeuer und diskutiert Themen, die von Philosophie bis Quantenphysik reichen. Nein, diese Familie ist alles andere als gewöhnlich. Abseits der Zivilisation hat Ben zusammen mit seiner Frau Leslie (Trin Miller) ein Idyll geschaffen, hat seine Kinder zu frei denkenden, unabhängigen Menschen erzogen, die nicht den Versuchungen des Konsum-Kapitalismus huldigen, die nicht Weihnachten feiern, sondern den Noam-Chomsky-Tag zelebrieren, die Nike nicht für eine Schuhmarke, sondern für die griechische Göttin des Sieges halten.

Doch das Idyll droht zu scheitern: Leslie hat nach langer Krankheit Selbstmord begangen und soll entgegen den Wünschen ihres Testaments nach christlichem Ritus begraben werden. Zudem droht ihr Vater (Frank Langella), der seinen Schwiegersohn für die Krankheit seiner Tochter verantwortlich gemacht hat, das Sorgerecht für die scheinbar verwilderten Kinder einzuklagen. Um den letzten Wunsch seiner Frau zu erfüllen, verlässt Ben zusammen mit den Kindern dennoch ihr Idyll – und muss erleben, wie seine Kinder mit der normalen Welt konfrontiert werden.

Wie Matt Ross diese beiden Welten aufeinanderprallen lässt, ist zwar oft nicht subtil, meist kann man sich dem Charme von „Captain Fantastic“ jedoch nicht entziehen. Teenager, die lieber lesen als am Computer zu spielen, ein Vater, der jede noch so peinliche Frage seines sechsjährigen Sohns („Was ist eine Vagina?“ ist da noch harmlos) nicht mit den üblichen Ausflüchten, sondern mit absoluter Ehrlichkeit beantwortet, all das ist einfach zu schön anzusehen. Angesichts seiner individualistischen, konsumkritischen Haltung ist es kein Wunder, dass „Captain Fantastic“ beim Hipster-Festival in Sundance, aber auch beim sich gern links gebenden Festival von Cannes so gut ankam.

Manchmal macht es Ross sich bei seiner utopischen Fantasie zwar etwas einfach, doch meist gelingt es ihm, den Charme dieser modernen Robinson-Familie zu zeigen, ohne ihm vollständig zu erliegen. Wenn da Ben angesichts der Exzesse der modernen Welt einmal mehr die Geduld verliert, seine Kinder anschnauzt, weil sie seine trotzkistischen Lehren angesichts eines McDonalds-Schnellimbisses kurzerhand vergessen, zeigen sich die autoritären Züge seiner Figur. Nur aus Büchern stammt das Wissen der Kinder über die Welt, nur in der Theorie sind sie geschult, von der Lebenspraxis sind sie dagegen schnell überfordert. Für Ben und seine Frau war der Ausstieg aus der Gesellschaft einst eine freie Entscheidung, die ganz bewusst getroffen wurde, doch ihre Kinder hatten diese Wahl nicht. Sie wurden in eine Gegenkultur hineingeboren, die sie zwar einerseits zu außerordentlichen Individuen gemacht hat, andererseits aber auch zu kaum lebensfähigen. Die Grenzen der Individualität zeigt Ross hier auf, die Schwierigkeit, innerhalb eines so gleichförmigem Systems wie dem Konsum-Kapitalismus einen eigenen Weg zu gehen. Wie Ben und seine Kinder diesen Spagat am Ende gelingt, ist ein wunderbarer Moment, der so einfach wirkt und angesichts der Verlockungen doch so unwahrscheinlich. – Eine Utopie eben, von der man sich wünschte, dass sie wahr wird.
 
Michael Meyns