Caracas, eine Liebe

Etwas überraschend gewann Lorenzo Vigas Regiedebüt "Caracas, eine Liebe" letztes Jahr den Goldenen Löwen beim Filmfestival in Venedig. Angesichts der offensichtlichen filmischen Qualitäten, die Vigas hier zeigt, gepaart mit einer Geschichte, die je nach Sichtweise als subtil, perfide oder undurchschaubar beschrieben werden kann, ist diese Entscheidung aber durchaus nachvollziehbar.

Webseite: www.weltkino.de

OT: Desde Allá
Venezuela 2015
Regie & Buch: Lorenzo Vigas
Darsteller: Alfredo Castro, Luis Silva, Jérico Montilla, Catherina Cordozo, Jorge Luis Bosque, Greymer Acosta
Länge: 93 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 30. Juni 2016
 

FILMKRITIK:

Auf den Straßen der venezolanischen Hauptstadt Caracas treibt sich der gut 50jährige  Armando (Alfredo Castro) herum, nimmt junge Männer mit nach Hause und onaniert zu ihrem halbentblößten Anblick. Im Alltag ist er Zahntechniker hat eine Schwester und ein dunkles Geheimnis. Was genau sein Vater, der nach Jahren in die Stadt zurückgekehrt ist, ihm und seiner Schwester angetan hat, bleibt offen, wie so vieles in diesem Film.

Auch der Grund von Alfredos Beziehung zu dem jungen, ebenso virilen wie aggressiven Elder (Luis Silva) bleibt lange ein Rätsel. Obwohl Elder ihn als Schwuchtel beschimpft, ihn ohnmächtig prügelt und ausraubt kann Alberto nicht von dem jungen Mechaniker lassen, der kleinkriminell ist, auf Geld aus ist und seine Aggression kaum unter Kontrolle hat. Ob es eine von sado-masochistischen Bedürfnissen geprägte Liebesgeschichte, eine Art Vater-Sohn-Beziehung oder doch eine perfide Missbrauchsgeschichte ist, die man hier beobachtet, liegt im Auge des Betrachters.

Wie so oft ist es eine große Stärke, aber auch eine gewisse Schwäche wenn ein Film so offen erzählt, wie es Lorenzo Vigas in seinem Regiedebüt "Caracas, eine Liebe" wagt. So merkwürdig und unglaubwürdig wirkt das Verhalten Alfredos, dass es eigentlich nur bewusst eingesetztes narratives Konstrukt sein kann. Auf welche Weise Vigas dieses Konstrukt im dritten Akt auflöst, in welch perfide Bahnen er diese Figurenkonstellation lenkt, soll nicht verraten werden. Zumal auch an dieser Lesart Zweifel herrschen, andere Möglichkeiten bestehen, der Film nicht hundertprozentig festzumachen ist.

Was nicht zuletzt an Hauptdarsteller Alfredo Castro liegt, der mit seinen emotional extrem zurückgenommen Darstellungen in Filmen wie "Der Club", "No", Post Mortem" oder "Tony Manero" zum Gesicht des Booms lateinamerikanischer Filme geworden ist, der in den letzten Jahren nur zum Teil auch in den deutschen Kinos zu verfolgen war. So undurchschaubar spielt er auch hier, dass er ideale Projektionsfläche für einen Film ist, in dem es Möglicherweise um sexuellen Missbrauch, unterdrückte Homosexualität, Mordgedanken geht.

Dass sich Vigas bewusst einer klaren Deutung entzieht, verhindert auch eine allzu banale psychologische Lesart der Figuren, die immer wieder fast zwingend scheint: Als Kind missbraucht und nun selbst Täter könnte man über Alfredo denken, was ebenso einfach, vielleicht auch vereinfachend wäre, wie eine Deutung des auffallenden visuellen Stils: Zusammen mit Kameramann Sergio Armstrong (neben Castro ebenfalls ein Bindeglied zu vielen anderen lateinamerikanischen Filmen der letzten Jahre) benutzt Vigas extreme Unschärfen, die das unbestimmte Verhalten der Figuren zu spiegeln scheint. Immer wieder bewegt sich "Desde Allà " am Rand solcher eher banaler Interpretationen schafft es durch seinen extrem kontrollierten Stil, seinen bewussten, überlegten Einsatz filmischer Mittel aber doch stets ein faszinierender, im besten Sinne undurchschaubarer Film zu bleiben.
 
Michael Meyns