Carré 35

In einem dokumentarischen Essay befragt der französische Schauspieler Éric Caravaca („Mein Bruder“) seine Familienangehörigen zu einem bislang verdrängten und verheimlichten Verlust: Noch vor seiner Geburt starb die ältere Schwester Christine und es existieren keine Bilder mehr von ihr. Was als Geschichte eines Familiengeheimnisses beginnt, entwickelt sich bald zu einem bewegenden Nachdenken über die Gewaltgeschichte der französischen Kolonialzeit in Nordafrika, in dem das Private und das Öffentliche aufs engste verschränkt erscheinen.

Webseite: www.missingfilms.de

Frankreich 2017
Regie und Drehbuch: Éric Caravaca
Laufzeit: 67 Min.
Verleih: Missing Pictures
Kinostart: 31.1.2019

FILMKRITIK:

Wenn in der eigenen Biographie plötzlich unerklärliche Leerstellen auftauchen, zeigen sie sich weniger als bloße Lücken, denn als Abwesenheiten voller Sogwirkung. Ihnen zu folgen, kann bedeuten, das eigene Fundament in Frage stellen zu müssen – eine bedrohliche und doch unerlässliche Suchbewegung, auf die der französische Schauspieler Éric Caravaca sich in seinem dokumentarischen Essayfilm „Carré 35“ auf beeindruckende Weise einlässt.
 
Als er zuvor für ein anderes Projekt auf einem Schweizer Friedhof drehte, überkam ihn beim Anblick eines Kindergrabes plötzlich eine unverortbare Traurigkeit. Dass er selbst eine ältere Schwester hatte, die noch vor seiner Geburt verstarb, wusste er nur aus ein paar Nebensätzen der Eltern, an die er sich kaum erinnern konnte. Nach ihr zu fragen, schien bislang undenkbar, zudem hatte seine Mutter alle Bilder von ihr verbrannt. Erst durch das Medium Film findet Caravaca schließlich den Mut, seine Angehörigen mit diesem traumatischen Verlust zu konfrontieren.
 
Was zunächst wirkt, wie eine sehr persönliche Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte, bekommt schon bald eine viel umfassendere Dynamik im Kontext der französischen Kolonialherrschaft: Warum verstarb die Schwester so jung in Casablanca, obwohl die Eltern Marokko bereits verlassen hatten, um nach Frankreich zu emigrieren? Und welche Rolle spielte dabei eine mysteriöse Krankheit, die eigentlich nur als Nebeneffekt des Down-Syndroms auftreten kann?
 
Caravaca folgt den Widersprüchen, in die sich Mutter und Vater bei ihren Erzählungen verstricken, und erzeugt durch assoziative Montagen eine erstaunliche Spannung, fast wie in einem Kriminalroman. Dabei verlässt er sich nicht nur auf die literarische Qualität seines von ihm gesprochenen Voice-Overs, sondern auch auf eine untrügliche Sensibilität in Bezug auf Bilder der Abwesenheit, die zur Stimme in Bezug treten. Eine dunkle Tür in einer weißen Mauer, Nebelschwaden, die das Meer in eine Szene des Irrealen tauchen – immer wieder werden die familiären Deckerinnerungen aus den Interviews auch visuell von den Leerstellen heimgesucht, die sie umkreisen. Sie ziehen andere Bilder an, die ebenfalls auf den Grund des Vergessens hinabgesunken sind, allerdings in kollektiver Hinsicht: Wochenschaubilder von französischen Soldaten, die in Algerien und Marokko foltern und morden, industrielle Schlachthöfe, auf eine Gewalt verweisend, die nicht nur den Tieren gilt. Es gibt eine Parallele zwischen der politischen und der familiären Amnesie, das macht Caravaca deutlich. Auch nach den straflos gebliebenen, namenlosen Kriegen, die nur als „Vorkommnisse“ bezeichnet werden, wagen die Kinder ihre Eltern nicht zu fragen.
 
Es gibt kein Grab mit der Nummer 35 auf dem Friedhof in Casablanca, und es dauert eine Weile, bis sich die letzte Ruhestätte der Schwester schließlich ausmachen lässt. War der Film zunächst eine forensische Investigation nach fehlenden Fotografien und sterblichen Überresten, wandelt er sich schließlich zu einem Raum des Gedenkens und der Erinnerung, wie ihn nur das Kino herstellen kann. Erst die Anerkennung jener zahlreichen subalternen Momente der Geschichte lässt die gespenstische Kraft zur Ruhe kommen, die über mehrere Generationen Caravacas Familie durchzogen hat. Was Schweigen und Scham zudecken, wirkt noch lange über das Leben (und Sterben) des Einzelnen hinaus. In seinem multiperspektivischen Blick gelingt es dem Film, die Verleugnung auf der Ebene des Individuellen aufzuzeigen und dabei zugleich auf eine noch ausstehende gesellschaftliche Debatte zu verweisen, welche die Verbrechen aus der Kolonialzeit betrifft. Anders als Sarah Polleys ebenfalls hervorragender „Stories We Tell“ zeigt er so die Mechanismen von Erinnerung und Verdrängung auch in ihren kollektiven Dimensionen, verbindet Home Videos und Interviews mit Nachrichtenbildern und wenig bekanntem politischen Propaganda-Material.
 
Vielleicht verfügt Éric Caravaca als Schauspieler, ähnlich wie Sarah Polley, über einen besonderen Sinn dafür, nicht nur für uns als Kinozuschauer, sondern auch für seine eigene Familie zu einem Medium der Erfahrung zu werden. In Patrice Chéreaus prominentem Drama „Sein Bruder“ hatte er bereits jemanden gespielt, der sich mit dem unerklärlichen Tod seines Geschwisters auseinandersetzen muss, und auch sein eigener Debütfilm als Regisseur, „Hotel Marysol“, handelte von einem Sohn, der sich mit dem Suizid eines unbekannt gebliebenen Bruders konfrontiert findet.
 
„Carré 35“ zeigt, wie nah sich dokumentarisches Arbeiten und Fiktion im Bereich des Filmischen kommen können, ohne dabei unscharf zu werden oder historische Fakten zu verdunkeln. Im Gegenteil: Selten war (Familien-)geschichte, auch gesellschaftlich, so erhellend.
 
Silvia Bahl