Cassandras Traum

Woody Allens dritter London-Film hintereinander versammelt einmal mehr erstklassige Schauspieler in einer Krimigeschichte. Zwei Brüder (Ewan McGregor und Colin Farrell) werden mit einem Mord beauftragt, der sie ihrer finanziellen Sorgen, nicht aber ihrer moralischen Zweifel entledigen wird. Für „Match Point“-Liebhaber ein willkommener Aufguss, für Woody-Allen-Fans ein wenig spektakulärer Exkurs in die Welt von Schuld und Sühne, in der sich der Regisseur gerne selbst zitiert.  

Webseite: www.cassandrastraum.film.de

OT: Cassandra’s Dream
USA/Großbritannien/Frankreich 2007
Regie + Buch: Woody Allen
Darsteller: Ewan McGregor, Colin Farrell, Tom Wilkinson, Sally Hawkins, Hayley Atwell
108 Minuten
Verleih: Constantin
Kinostart: 5.6.2008

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Woody Allen ist trotz seiner 72 Jahre noch immer ein akribischer Autor und fleißiger Regisseur, der pro Jahr einen Film dreht und immer wieder zu seinem Lieblingsthema zurückkehrt: Die tragische Ironie des Lebens und die fatale Wechselwirkung der Liebe zwischen Menschen verschiedener Klassen. Die Crux ist leider: Jeder weitere Film wird primär mit Allens Vorgängerwerken verglichen und eigentlich gar nicht mehr als eigenständiges Projekt betrachtet. Die Aussagekraft scheint nur noch mit der Frage verbunden zu sein, ob sich Allen in seiner Ideenvielfalt noch einmal selber toppen und bereichern kann. Denn wie kaum ein anderer klaut der Regisseur – aber nur bei sich selbst.
Wie bereits in „Match Point“ und „Scoop“ zu sehen, hat Allen auch in „Cassandras Traum“ noch immer ein Faible für London, britische Oldtimer und die englischen Gärten auf dem Weg nach Brighton. Er erzählt die Geschichte von zwei Brüdern: Ian (Ewan McGregor) träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit der Schauspielerin Angela (Hayley Atwell) in Kalifornien. Sein Investment in Hotel-Immobilien und der Businessplan stehen allerdings auf ziemlich wackligen Beinen. Terry (Colin Farrell) dagegen ist chronisch spielsüchtig und verzockt sich gehörig an Pokerabenden mit zwielichtigen Mitspielern. Beide stecken knietief im Dispo, doch Rettung naht: Der wohlhabende Onkel (Tom Wilkinson) heuert die beiden an, einen lästigen Businesspartner zur Strecke zu bringen. Die fürstliche Entlohnung würde sie ihrer finanziellen Probleme entledigen – wenn da nur nicht die moralischen Zweifel wären. 

Nahezu spielerisch gelingt es Allen, der unbeschwert-lockeren Anfangsviertelstunde so viel Suspense mit auf die Reise zu geben, dass sich die Intensität mit jeder Minute steigert und zu einem genialen Krimi mausert. Der Regisseur berauscht sich wieder an der Ironie des Schicksals, moralischen Taten und selbstsüchtigen, aber umwerfenden Frauen (auch wenn hier Hayley Atwell in der Nebenrolle nur ein Schatten von Scarlett Johansson ist). Die Vorliebe für Dostojewski und inszenatorische Ähnlichkeit zu „Match Point“ ist teilweise frappierend, der Twist am Ende des Films auch nicht halb so gut und die Spannung weit weniger intensiv. Dennoch: Allens erster Film ohne amerikanische Schauspieler überzeugt als moralisches Sittenspiel über Schuld und Sühne. 

Einzeln betrachtet, ist „Cassandras Traum“ somit ein kurzweiliger Krimi, der im Kontext des Allenschen Œuvres jedoch nur wie eine schwächere Zweitverwertung der „Match Point“-Grundidee wirkt. Wie gut, dass er nach drei Filmen in London fürs erste Abstand von der Stadt genommen hat. Der bereits abgedrehte „Vicky Cristina Barcelona“ (mit Penelope Cruz, Scarlett Johansson und Javier Bardem; Filmstart in den USA Ende August) führte Woody Allen zum ersten Mal auf neues Terrain nach Spanien. Vielleicht so etwas wie ein Neuanfang für die New Yorker Filmlegende und ein Versuch, nicht mehr der Versuchung zu erliegen, sich selbst zu zitieren.

David Siems 

 
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London. Ian und Terry sind Brüder. Sie halten wie Pech und Schwefel zusammen. Das Sorgenkind ist Terry, der trinkt und zockt. Zwar hat er auch einmal Glück, gewinnt und ist daran, mit seiner Freundin Kate ein Häuschen zu kaufen.

Dann aber schlägt das Schicksal wieder zu. Terry hat eine Pechsträhne, verliert auf einen Sitz 90 000 Pfund. Die Brüder sind verzweifelt.

Glücklicherweise gibt es da noch Onkel Howard, der in Kalifornien ein Vermögen gemacht hat und gerade zu Besuch weilt. Howard ist unter einer Bedingung bereit, Terry und Ian, welch letzterer sich mit der Schauspielerin Angela im Immobiliengeschäft etwas aufbauen will, aus der Klemme zu helfen: Die Brüder müssen einen unliebsamen Geschäftspartner Howards aus dem Weg räumen. Die beiden sind geschockt – aber schließlich doch dazu bereit. Gesagt, getan.

Ian sieht jetzt eine rosige Zukunft vor sich. Terry allerdings macht psychisch schlapp, verständlicherweise. Er hat Albträume, Depressionen, spricht davon, sich umzubringen und, für Howard ebenso gefährlich wie für Ian, alles der Polizei zu melden. Wäre es da nicht ratsam, auch Terry für immer zum Schweigen zu bringen?

Kein Spitzen-Woody-Allen-Werk, aber immer noch ein sehr respektabler Unterhaltungsfilm, der gottlob das Kino erreicht, nachdem es dazu zuvor anderslautende Meldungen gegeben hatte. Die Geschichte ist flüssig, wenn auch nicht übermäßig originell, die Dialoge klingen exzellent wie immer bei Woody Allen, das Milieu ist gut getroffen. Die Moral nicht zu vergessen: Unrecht Gut scheint tatsächlich nicht zu gedeihen.

Von 1a-Qualität sind die Schauspieler. Ewan McGregor als Ian und Tom Wilkinson als Howard leisten solide Arbeit. Colin Farrell mit seinen Nuancen als Spieler, Trinker und Psycho im letzten Stadium ist absolut sehenswert.

Thomas Engel