Casting

Vordergründig geht es in Nicolas Wackerbarths „Casting“ um genau das: Ein Casting für einen Fernsehfilm, eine Neuverfilmung von Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“, um genau zu sein, doch erzählt wird viel mehr. Von Eitelkeiten und Unsicherheiten, von den Strukturen der Film- und Fernsehbranche und einer armen Anspielwurst.

Webseite: www.casting-der-film.de

Deutschland 2017
Regie: Nicolas Wackerbarth
Buch: Nicolas Wackerbarth & Hannes Held
Darsteller: Andreas Lust, Judith Engel, Andrea Sawatzki, Marie-Lou Selem, Corinna Kirchhoff, Ursina Lardi
Länge: 91 Minuten
Verleih: Piffl
Kinostart: 2. November 2017

FILMKRITIK:

Hinter den Kulissen eines Fernsehstudios. Ein Casting findet statt, mit wechselnden Schauspielerinnen, die für die Rolle der Petra von Kant vorsprechen, in einer Neuverfilmung des berühmten Fassbinder-Films. Regie führt Vera (Judith Engel), eine nicht mehr ganz junge Regisseurin, die bislang Dokumentationen inszenierte und nun den Sprung zu einem fiktionalen Stoff wagt. Doch so recht weiß sie nicht, was sie will, kann sich nicht entschließen, zum zunehmenden Unwillen ihrer Mitarbeiter und ihres Produzenten.
 
Etwas außen steht Gerwin, der als Anspielpartner dient, um mit den wechselnden Schauspielerinnen die Rolle zu proben. Als unverzichtbar erweist er sich bald, zumindest bildet er sich das ein, glaubt, eine Chance auf die männliche Hauptrolle zu haben, sieht sich schon aufsteigen, zum richtigen Schauspieler, doch er wird enttäuscht werden und eine Anspielwurst bleiben.
 
Im Duden finden man die Bezeichnung Anspielwurst nicht, leider, denn es ist eine ebenso witzige, wie treffende Bezeichnung für die Rolle, die Gerwin einnimmt. Vermutlich hat Autor und Regisseur Nicolaus Wackerbarth diesen Begriff einst gehört, als er selbst für Rollen vorsprach, selbst die Erfahrung machte, wie es ist, sich in ein paar Minuten präsentieren zu müssen, in wenigen Momenten einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, Castingagenten, Produzenten und Regisseure zu überzeugen. Präzise fängt er in seinem dritten Spielfilm die Stimmung ein, die Unsicherheit der Schauspieler, die zu erahnen versuchen, was der Regisseur oder in diesem Fall die Regisseurin möchte, womit man die Rolle ergattern kann.
 
Zwischen Selbstbewusstsein, manchmal auch Selbstüberschätzung und Unsicherheit bewegen sich die Figuren in „Casting“, ganz besonders die Schauspieler, die oft Komplimente hören, ohne das sie so recht wissen, ob diese nun ernst gemeint oder doch nur Phrasen sind. Und auch wenn sie ernst gemeint sind, bedeuten sie noch lange nicht, dass man die Rolle auch bekommt, denn – und auch davon erzählt dieser vielschichtige, genau beobachtete Film – von der Qualität allein hängen die Entscheidungen nicht ab.
 
Man merkt, dass Wackerbarth seit Jahren im Geschäft ist, zur Realisierung seiner Filme schon viele Anträge geschrieben hat, mit vielen Redakteuren diskutiert und sich vermutlich gestritten hat, sicher auch enerviert von den langsamen Strukturen war, die die Filmbranche in Deutschland prägen und oft bremsen. Aus diesen Erfahrungen speist sich sein bislang bester Film, der im Forum der Berlinale zu sehen war und beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde. Eine pointierte Komödie, die wie alle guten Komödien auch etwas Tragisches hat, vor allem aber zutiefst menschlich ist.
 
Michael Meyns