Censored Voices

Stimmen aus der Vergangenheit, die das Dilemma der gegenwärtigen Lage Israels überdeutlich machen: Für ihren zweiten Film hat die junge Dokumentarfilmregisseurin Mor Loushy Tonbandaufnahmen verdichtet, die kurz nach dem Ende des Sechs-Tage-Kriegs 1967 entstanden. Damals wurden sie von der Militärzensur verboten – heute wirken die erschütternden Berichte der damals jungen Soldaten schonungslos hellsichtig.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Israel/Deutschland 2016
Regie und Buch: Mor Loushy
Länge: 96 Minuten
Verleih: Real Fiction Filmverleih
Kinostart: 7. Juli 2016
 

FILMKRITIK:

1967. Israel hat den Sechs-Tage-Krieg gegen die militärische Übermacht der arabischen Nachbarstaaten gewonnen. Der Krieg endete mit der Vertreibung der Palästinenser aus ihren Gebieten und der israelischen Besetzung. Die Stimmung in Israel ist euphorisch, die heimkehrenden Soldaten werden als Helden gefeiert. Wenige Tage nach Kriegsende macht sich der Schriftsteller Amos Oz, der selbst als Soldat daran teilgenommen hatte, mit einem Tonbandgerät auf und besucht verschiedene Kibuzze, um dort mit den jungen Männern zu sprechen, die gerade von der Front heimgekehrt sind.
 
Die Stimmung dort ist anders als auf den offiziellen Jubelfeiern. Viele der „Helden“ sind verwirrt, traumatisiert, unsicher. Es ist nicht nur die Kriegserfahrung an sich, die ihnen zu schaffen macht. Die Männer ahnen, dass nichts Gutes aus der Besatzung erwachsen kann. Sie haben erlebt, wie unwürdig die Palästinenser behandelt wurden, unter welchen Bedingungen sie ihre Heimat verloren. Israel, dessen geografische Größe sich verdreifacht hat, ist nun zu einer Besatzungsmacht geworden. „Das wird uns verändern, und nicht zum Guten“, ist einer der Interviewten überzeugt.
 
Bei ihrem Regie-Debüt „Israel Ltd.“ beschäftigte sich die Dokumentarfilmerin Mor Loushy mit den Auswirkungen des Militarismus auf junge Juden. Mit ihrem zweiten Film geht sie gewissermaßen an dessen Wurzeln zurück. Die Aufnahmen von Amos Oz sind ein tieftrauriges, geradezu verzweifeltes Dokument, das ein anderes Bild von Israel zeichnet als das von der rechtsgerichteten Regierung so gern propagierte.
 
Es sind Stimmen aus der Vergangenheit, die damals unterdrückt wurden. Ganz konkret durch die Militärzensur, aber auch in einem weiteren Sinne. Nachdenkliche Stimmen, die anzweifelten, dass Israels Weg der richtige sei, wurden und werden bis heute nicht gern gehört. „Wenn man das, was wir damals gesagt haben, heute so sagen würde, dann gälte man als Landesverräter“, sagt einer der Männer.  
 
Mor Loushy montiert die Stimmen von den Tonbändern zu Archivaufnahmen aus dem Krieg. Die persönlichen Einschätzungen und Empfindungen der Soldaten reiben sich so an den Bildern und laden sie emotional auf. Sehr deutlich wird, wie die jungen Männer zu Kriegsbeginn Angst haben, aber überzeugt davon sind, das Richtige zu tun. Und wie sie diese Überzeugung zum Ende des Krieges, als die israelische Armee immer größere Gebiete erobert und die Bewohner vertreibt, nach und nach verlieren. 
 
„Censored Voices“ ist dramaturgisch geschickt aufgebaut. Der Zuschauer sieht die heute alten Männer, wie sie ihren Aussagen von damals lauschen. Sie kommentieren sie aber sehr lange nicht. Erst am Ende lässt Loushy sie sprechen, und es wird deutlich: An ihrer damaligen Einschätzung zweifeln die Protagonisten auch heute nicht. Im Gegenteil: Ihre pessimistischen Prognosen sind eingetreten, wurden sogar überboten. Den Glauben an den Frieden haben sie alle verloren. Das macht den Film zu einem traurigen Dokument des Scheiterns. „Wir haben die Wahrheit gesagt“, sagt Amos Oz. Eine Wahrheit, die viele in Israel bis heuten nicht hören wollen.  

Oliver Kaever