Charlie Bartlett

Jon Polls Debütfilm ist eine Bestandsaufnahme amerikanischer Highschool-Kids. Der Neuling Charlie Bartlett vertickt auf dem Schulklo jede Menge Antidepressiva und aufheiternde Medikamente und muss doch einsehen, dass sich Coolness und Anerkennung nicht kaufen lassen können. Eine kurzweilige Coming-of-age-Komödie mit Robert Downey Jr. und Hope Davis in Nebenrollen.   

Webseite: www.senator.de

USA 2007
Regie: Jon Poll
Buch: Gustin Nash
Darsteller: Anton Yelchin, Robert Downey Jr., Hope Davis, Kat Dennings, Tyler Hilton
Länge: 100 Minuten
Verleih: Senator/Central Film
Kinostart: 27.3.2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

In den Achtzigern war es der charismatische Außenseiter Ferris Bueller (gespielt von Matthew Broderick), der in „Ferris macht Blau“ bei seinen Highschool-Mitschülern zum charismatischen Helden wurde. Ferris schwindelte Eltern und Lehrern eine unheilbare Krankheit vor, um mit seiner Freundin und dem besten Freund einen Tag blau zu machen und beim Trip nach Downtown-Chicago sich den wirklich wichtigen Fragen ihres noch jungen Lebens zu stellen.

Charlie Bartlett (Anton Yelchin) ist auch so ein Schwindler, der einem so sympathisch ist, weil er im Grunde genommen lediglich danach strebt, wonach alle amerikanischen Teenager im Schulalltag zwischen Klassenraum, Turnhalle und Pausenhof streben: Anerkennung, Coolness und Popularität. Doch Charlies Erfindungsreichtum ist meist ein Dorn in den Augen der Schuldirektoren. Mehrfach ist Charlie schon von Privatschulen geflogen – zuletzt, weil er Autoführerscheine für die jungen Mitschüler gefälscht hat. Seine allein erziehende und wunderbar dekadente, aber psychisch labile Mutter (Hope Davis) meldet ihren Sprössling somit auf einer staatlichen Schule an, wo der wohlhabende Sonderling in Anzug und Krawatte schnell als Außenseiter abgestempelt wird.

Jon Polls Debütfilm und Coming-of-age-Komödie steht nicht in der Tradition der jüngeren US-Highschool-Filme, die vorwiegend von Sex- und Fäkalhumor geprägt sind oder die klassische Geschichte der vermeintlichen Loser erzählen, die in Wahrheit doch viel bessere Menschen sind, als die coolen, aber stumpfsinnigen Footballspieler am Schultisch nebenan. Stattdessen diskutiert der Film, wie amerikanische Teens als kontrollierbare Schüler funktionieren können. Und das auf zwei Seiten: Direktor Gardner (Robert Downey Jr.) lässt auf dem Schulgelände Kameras aufstellen, um die perfekte Überwachung auszuüben. Ein verzweifelter Versuch, seinem angeschlagenen Ansehen ein wenig Härte zu verleihen. Charlie Bartlett dealt derweil mit Antidepressiva und Stresshemmern wie Ritalin, Zoloft oder Haldol, die bei seinen Mitschülern reißenden Absatz finden – auch deshalb, weil er auf der Schultoilette den Hobby-Psychologen gibt, der seiner Kundschaft mit offenem Ohr und Ratschlägen zur Seite steht und dabei eigentlich nur das weitergibt, was sein eigener Psychiater ihm sagt und vor allem: verschreibt.

Mit erstaunlicher Leichtigkeit und jeder Menge schwarzem Humor gelingt es dem Film sich den existenziellen Fragen seiner Figuren zu nähern. Hier dominiert nicht Coolness, sondern die Schöngeistigkeit bei den emotional verwirrten Teenagern, die anspruchsvolle Literatur lesen, Theatergruppen gründen und mit ihrer Kreativität keine Angriffsfläche bieten für ihren verhassten Schulleiter. Die Freiheit des Geistes ist es schließlich, die so viel wertvoller ist als die Überwachungskameras und die stimulierenden Pillen. Damit ist „Charlie Bartlett“ auch ein Film über Erwachsenwerden, das Verlieren der Unschuld und die Erkenntnis der Vernunft. Aus den geläuterten Schülern werden Persönlichkeiten und aus Charlie Bartlett ein ganz normaler Junge, der ähnlich wie einst Ferris Bueller über den Tellerrand seines Highschool-Lebens schaut und zu dem Schluss kommt, dass es lohnt sich den schönen Künsten zu verschreiben und somit die Wirren des Größerwerdens zu bewältigen.

David Siems 

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Charlie Bartlett fliegt von einer teueren Privat-High School, weil er seinen Mitschülern gefälschte Führerscheine verkauft hat. Da hilft auch ein Spendenangebot seiner begüterten und leicht entrückten Mutter nichts mehr. Er kommt an ein öffentliches Institut und wird von Murphy, Schulrüpel vom Dienst, gleich richtig empfangen. Charlie Bartlett weiß jetzt, dass er sich auf die Hinterbeine stellen muss.

Er bekommt vom – in Amerika allgegenwärtigen – Psychiater ein Medikament verschrieben. Sofort merkt er, dass sich damit psychedelische Wirkungen erzielen lassen. Daraus ließe sich doch ein Geschäft machen! Er tut sich schließlich mit Murphy zusammen und versorgt seine Kumpels, die im Jungenklo schon Schlange stehen, mit „Stoff“. Doch nicht nur das. Er hört sich auch ihre Nöte an, beispielsweise die eines Selbstmordgefährdeten, und wird dadurch so etwas wie ein Beichtvater mit ständig vermehrtem Ansehen. 

Der Notfall tritt ein, als er sich in Susan, die Tochter des Schulleiters Gardner, verliebt. Deren Vater (Robert Downey Jr.) findet das und vor allem Charlies Machenschaften gar nicht gut. Dessen Mutter wird benachrichtigt. 

Doch Gardner ist Pädagoge genug, um Charlie auch auf Gefahren aufmerksam zu machen. Das zeitigt Wirkung. Der Junge macht eine positive Wandlung durch. Er wird auch in Zukunft für seine Mitschüler da sein – aber ohne Drogen. Und es tritt sogar der Fall ein, dass er sich bei Gardner revanchieren kann.

Ein High School-Film, der begrüßenswerterweise von den extremen Klischeefiguren – dem Streber, dem nur Streit suchenden Schläger, der hochnäsigen Schönheit, dem fressenden Dickwanst usw. – abweicht. Einige Probleme, einige aktuelle Phänomene, einige Gefahren, einige positive charakterliche Entwicklungen werden angesprochen, alles auf routinierte, gut durchschnittliche Weise, sowohl in darstellerischer als auch in inszenatorischer und milieuschildernder Hinsicht.

Thomas Engel