Chasing the wind

Mit „Nord“ wurde er zum Publikumsliebling, das Tribeca Film Festival in New York kürte ihn gar zum „Best New Narrative Filmmaker“. Jetzt ist Regisseur Rune Denstad Langlo zurück mit einer Geschichte, die ihn erneut in den hohen Norden seiner Heimat Norwegen führt. Er filmte an der Trønedlag-Küste, wo seine eigene Familie herkommt. Wieder erzählt Langlo vom Fremdsein und Ankommen – überzeugend als melancholisches, aber optimistisches und skurril-witziges Drama, das von der tiefen Überzeugung geprägt ist, dass Menschen wieder Tritt finden können, auch wenn sie aus der Bahn geworfen werden.. Mit Marie Blockhus fand er für die Hauptrolle eine junge, überzeugend frische Darstellerin.

Webseite: www.neuevisionen.de

OT: Jag etter vind
Norwegen 2013
Buch und Regie: Rune Denstad Langlo
Darsteller: Marie Blockhus, Tobias Santelmann, Sven-Bertil Taube, Anders Baasmo Christiansen, Marte Aunemo
Länge: 90 Minuten
Verleih: Neue Visionen Fimverleih
Kinostart: 12. Juni 2014
Verleihinfos hier…

FILMKRITIK:

Anna (Marie Blockhus) lebt mit ihrem dänisch-deutschen Freund Håvard (Tobias Santelmann) in Berlin, als sie ein Anruf erreicht: Ihre Großmutter ist gestorben. Erst auf Håvards Drängen reist sie in ihren Heimatort ganz im Norden Norwegens. Dort trifft sie auf ihren Großvater Johannes (Sven-Bertil Taube), der kaum mit ihr spricht und nicht in der Lage ist, seine Gefühle mitzuteilen. Überhaupt holt Anna zuhause eine Vergangenheit ein, vor der sie davongelaufen ist. Dazu gehört Lundgren (Anders Baasmo Christiansen), mit dem sie lange ein Verhältnis hatte; vor allem aber der Tod ihrer Eltern. Es dauert, bis Anna begreift, dass Weglaufen nicht hilft. Langsam öffnet sie sich – und mit ihr beginnt auch der kauzige Johannes zu sprechen.
 
Vom Flugzeug in den Bus, vom Bus auf die Fähre – Anna legt einen weiten Weg zurück, um in ihrer abgeschiedenen Heimat anzukommen. Langlo misst diesem Weg große Bedeutung zu, er filmt ihn in eleganten Aufsichten, die die zurückgelegten Distanzen erahnen lassen. Ein klassisches Roadmovie wie „Nord“ ist „Chasing the Wind“ nicht, aber die Strecke, die Reise ist spürbar auch diesmal wichtig. Und wie in jedem guten Roadmovie ist auch Annas Reise natürlich nicht nur eine äußere, sondern auch eine innere zu sich selbst.
 
Witzig ist, dass die Geschichte ganz eigentlich der klassischen Dramaturgie eines Rosamunde-Pilcher-Kitschfilms folgt. Die verletzte Frau, die aus der Provinz in die Großstadt flieht, dort zur hochnäsigen Göre wird, bis das Schicksal sie zur Rückkehr zwingt und erkennen lässt, dass das wahre Glück eben doch nur auf dem Land zu haben ist. Aber keine Sorge, diese reaktionäre Botschaft vertritt „Chasing the Wind“ keineswegs, und Regisseur Langlo geht auch jedem Kitsch meilenweit aus dem Weg. Er erzählt ganz im Gegenteil sehr behutsam und still, arbeitet statt mit heftigen Wendungen und großen Emotionen eher mit Auslassungen und skandinavischer Zurückhaltung. Die Gefühle, die dann doch hervorbrechen, wirken so umso eindrücklicher.
 
Wie schon in „Nord“ erzählt Langlo wieder von einem Menschen, dessen Seele verletzt ist und der verstehen muss, dass Heilung nur in der Hinwendung zur Quelle der Verletzung liegt. Vielleicht macht es sich Langlo diesmal zu einfach und lässt die Läuterung etwas zu leicht eintreten. Dem letzten Drittel des Films fehlt es an dramatischem Zug. Dennoch überzeugt „Chasing the Wind“ wieder als melancholisches, aber optimistisches und skurril-witziges Drama, das von der tiefen Überzeugung geprägt ist, dass Menschen wieder Tritt finden können, auch wenn sie aus der Bahn geworfen werden. Ganz wunderbar verkörpert die Nachwuchs-Schauspielerin Marie Blockhus diesen Gestus in ihrer ersten Film-Hauptrolle. Ganz sicher wird man von ihr bald noch mehr sehen.
 
Oliver Kaever