Cheyenne – This must be the Place

In dem vielschichtig, sperrigen Road-Movie „This must be the place“ liefert der zweifache Oscarpreisträger Sean Penn ein schauspielerisches Bravourstück. Als alternder, depressiver Rockstar auf Nazi-Jagd verkörpert der 50jährige Rebell des amerikanischen Kinos die Verlorenheit des melancholischen Drifters samt Selbstfindungstrip perfekt. Das Trauma des Holocaust kollidiert mit dem gebrochenen Mythos Amerikas. Stilistisch weckt Regisseur Paolo Sorrentinos („Il divo“) komplexes Drama bruchstückhaft Erinnerungen an Wim Wenders magisches Meisterwerk „Paris Texas“.

Webseite: www.delphi.de

Italien, Frankreich, Irland 2011
Regie: Paolo Sorrentino
Drehbuch: Paolo Sorrentino, Umberto Contarello
Kamera: Luca Bugazzi
Schnitt: Cristiano Travaglioli
Darsteller: Sean Penn, Frances McDormand, Harry Dean Stanton, Eve Hewson, Judd Hirsch, Heinz Lieven, Kerry Condon, David Byrne
Länge: 118 Minuten
Verleih: Delphi Filmverleih
Kinostart: 10. November 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Unter Hollywoods linken Galionsfiguren ist Sean Penn das Gegenteil von George Clooney, der seine politische Gesinnung mit mondäner Eleganz bekleidet. Der Sohn eines Regisseurs und einer Bühnenschauspielerin ist kein geschliffener Ironiker. Öffentliche Auftritte absolviert der zweifache Oscar-Preisträger nicht selten mit dem Missmut eines Outlaws. Der Rebell des amerikanischen Kinos war stets einer, der sich nicht vereinnahmen lassen wollte. Nicht von der Oberflächlichkeit eines Lebens als Hollywood-Star, nicht von den Vorgaben der großen Studios, nicht von einer amerikanischen Regierung.

Immer wieder suchte sich der 50jährige Filme aus, in denen er nach allen Regeln des Method-Actings eine geradezu verbissene Zerquältheit aufbauen kann. Dabei wirkt der widerspenstige Star freilich manchmal penetrant irritierend, wenn er sich an den inneren Kämpfen seiner Figuren abarbeitet. Und trotzdem ist er brillant. So auch als alternder Rockstar Cheyenne im Ruhestand, antrieblos, schrullig von Drogen gezeichnet, liebevoll und puppenhaft in seinem Gothik Look. Scheinbar naiv und gleichzeitig von hoher Intelligenz. Dabei wirkt er wie das Fossil einer Jugendkultur, das rein äußerlich an den legendären Sänger Robert Smith der New Wave Band „The Cure“ erinnert.

Um seine Langeweile zu vertreiben, kümmert sich der desillusionierte Punksänger nach seinem Ausstieg aus dem Musikgeschäft vor allem um seine Aktien. Erst die Nachricht, dass sein jüdischer Vater im Sterben liegt rüttelt in auf. Erschüttert reist er von Dublin nach New York. Doch er kommt zu spät. Sein Vater ist bereits tot. Obwohl er ihm scheinbar nie nahe stand, beschließt er, dessen Lebenswerk zu Ende zu führen. Er will seinen Peiniger finden, den alten KZ-Wärter und SS-Schergen Alois Lange (Heinz Lieven) aus Auschwitz, der sich in die USA abgesetzt hat. Und so beginnt Cheyenne im Hinterland Amerikas seinen eigenen Rachefeldzug.

Der erste englischsprachige Film des italienischen Regisseurs Paolo Sorrentino scheint zunächst eine künstlerische Katastrophe mit moralischem Anspruch. Doch dieser vorschnelle Eindruck täuscht. Sein Drama über Söhne, die ihren Frieden mit ihren Vätern machen wollen, berührt am Ende umso nachhaltiger. In seinem klassischen Roadmovie stehen die Panoramen in einem fesselnden Spannungsverhältnis zur Figur: Vom Grün der irischen Wahlheimat zum Gold der amerikanischen Prärie bis zum Weiß der Schneelandschaft im Schlussakkord. Gleichzeitig spiegelt der Soundtrack von „Talking Head“ Sänger David Byrne die unendlichen Weiten des Landes und die tragische Nostalgie des Rockstars und melancholischen Drifters perfekt wider. Wie einst Ry Cooders minimalistische Gitarrenklänge die Romantik der Entfremdung in Wenders Klassiker „Paris, Texas“ beschwor, veredelt seine Musik Sean Penns Odyssee durch Amerika.

Luitgard Koch

„Cheyenne – This Must Be The Place“ von Paolo Sorrentino („Il Divo“) begeistert mit einem grotesk geschminkten Sean Penn: Seine Figur Cheyenne, ein ehemaliger Rockstar aus Dublin, setzt nach dem Tod des jüdischen Vaters in den USA dessen Suche nach einem deutschen KZ-Wärter fort. Diese Selbstfindung wird von kuriosen Begegnungen und schrägen Blicken auf Amerika bebildert. Ein Augenschmaus der anderen Art, dessen Figuren für emotionalen und intellektuellen Tiefgang sorgen.

Wer Sean Penn mag, kann ihn beim Cannes-Film „This must be the Place“ volle Kanne genießen: Penn gibt die ungemein originell jämmerliche Gestalt des ehemaligen, nicht besonders würdevoll gealterten Rockstars Cheyenne. Mick Jagger habe einst mit ihm gesungen – nicht umgekehrt, wie Cheyenne betont. Ihn als lebende Legende zu beschreiben, wäre übertrieben, weil der von zu vielen Drogen sichtlich Mitgenommene vom Reichtum erdrückt in einem überstilisierten Mausoleum dahinschlurft. „Cuisine“ steht in Großbuchstaben auf der Wand der Küche – kann man hirnlosen Design-Überfluss knapper ausdrücken?

Mausoleum nennt es seine freche Gattin Jane, eine sehr witzige, trotz Drehleiter-Einsatz geerdete Feuerwehrfrau, die mit Frances McDormand perfekt besetzt ist. Seine blasse Goth-Schminke legt der Alt-Rocker immer noch auf, so sieht er aus wie eine schlecht konservierte Kopie des Cure-Frontmannes Robert Smith. In albernen Outfits spielt er im leeren Pool seiner Dubliner Villa ohne Handschuh Pelota. Ansonsten schaut er unendlich einsam, grundverstört und sehr, sehr hilflos in die Welt. Diesen Blick kann man sich von niemand anderes als von Sean Penn vorstellen. Der verständliche Grund der Traurigkeit klingt bitter: „Ich habe depressive Lieder für depressive Kinder gemacht und zwei von denen haben sich umgebracht. Mein Schmerz darüber wird trotz der Besuche am Grab nicht geringer.“ Jane hingegen meint, Cheyenne sei nicht depressiv sondern gelangweilt, sonst könnte er nicht immer wieder mit einer Begeisterung wie beim ersten Mal Sex haben.

Die Lösung kommt unerwartet mit der Nachricht vom baldigen Tod seines Vaters in New York. Trotz 30 Jahren Trennung und Angst vor dem Fliegen macht Cheyenne sich auf den Weg. Während der Überfahrt gibt er den Tussen Modetipps. Verloren macht er die Trauerrituale seiner entfernten jüdischen Familie mit und erfährt sehr überrascht, dass sein Vater ein Leben lang den deutschen KZ-Wärter Alois Lange (Heinz Lieven) suchte, der ihm eine tiefe Verletzung zugefügt hatte. Zwar völlig ahnungslos aber spontan entschlossen, setzt Cheyenne diese Suche mit launiger Unterstützung des professionellen Nazi-Jägers Mordecai Midler (Judd Hirsch) fort und tapst wie (Lou Reeds) „Passenger“ durch ein skurriles bis absurdes Amerika. Hier findet Sorrentinos scharf sarkastischer Blick, den er schon auf einen faszinierend abstoßenden Kredithai („L’amico di famiglia“, 2006) und auf die italienische Regierungskaste („Il Divo“, 2008) warf, zahlreiche dankenswerte Objekte. Dabei ist „Cheyenne“, die erste englischsprachige Produktion des Neapolitaners, milder und menschlicher. Im Staunen über diese seltsame Welt versteht man den verstörten Blick des Protagonisten immer mehr, identifiziert sich mit dieser nur anfangs lächerlich wirkenden Gestalt.

Sorrentino, der in „Le conseguenze dell’amore“ (2004) schon einen sehr emotionalen Auftragskiller zeigte, fesselt einerseits wieder mit schön ambivalenten Figuren. Diese platziert er dann in Schaukästen skurriler Lebensweisen, die wie beispielsweise der Gegensatz zwischen dem ultramodernen Ufo des Dubliner Fußballstadions und den umgebenden kleinen Einfamilien-Reihenhäusern oft einer aufmerksamen Beobachtung real krasser (Bild-) Verhältnisse entspringen. Das äußerlich Absurde trägt jedoch immer eine innere Sinnigkeit in sich – das gilt auch für Cheyenne. Ein heiliger Narr, der nicht lügen kann und mit seinen immer ehrlichen, im weinerlichen Zeitlupen-Ton vorgetragenen Bemerkungen verstört oder amüsiert. Je nach eigener Geisteshaltung.

Sorrentino lernte Sean Penn als Jury-Präsident in Cannes kennen. Die Figur ist ihm auf den Leib geschrieben und überrascht – auch wenn Penn gerade immer wieder mit seiner Vielseitigkeit begeistert: Als verlorenes großes Kind in „The Tree of Life“, als moderner Kohlhaas in „Attentat auf Richard Nixon“, als schwuler Aktivist in „Milk“. Auf diesem Selbstfindungs-Trip lernen wir noch den Erfinder der Trolleys kennen (Harry Dean Stanton) und dürfen eine großartige Show-Nummer lang David Byrne erleben. Sein Titelsong – besser bekannt unter dem Refrain „Home“ – ist mehrfach zu hören. Der ehemalige Talking Heads-Kopf spielt sich selbst als einen von Cheyenne verehrten Künstler. Und das ist auch die Liga, in die man Sorrentino verorten kann: Eigenwillige Kunst, die – reich in Form und Inhalt – immer wieder überraschen und begeistern kann.

Günter H. Jekubzik

Cheyenne ist ein alternder Rockstar – daher der Name -, aber wegen eines traumatischen Erlebnisses schon etwa 20 Jahre außer Betrieb. Er ist noch immer gekleidet und grell geschminkt wie damals, lebt zurückgezogen in Dublin, ist leicht depressiv – beinahe schon wieder Kind geworden. Gottlob hat er eine Frau, die ihn hält und für ihn sorgt.

Mit seinem in New York lebenden Vater hatte er viele Jahre so gut wie keinen Kontakt. Jetzt aber liegt der alte Herr im Sterben, und Cheyenne schwingt sich auf, ihn noch einmal zu sehen und sich mit ihm zu versöhnen. Das Problem: Er muss dazu eine lange Reise unternehmen. Die vielen skurrilen Begegnungen, die er dabei hat (zum Teil an bekannte Filme und Regisseure erinnernde Zitate), bilden einen Großteil der Handlung.

Beim unterdessen bereits verstorbenen Vater angekommen, entdeckt Cheyenne auf einem von dessen Unterarmen eine tätowierte Nummer. Sie stammt aus einem KZ. Nun wird der Sohn wie schon zuvor der Vater alles daran setzen, denjenigen der damaligen Kapos und KZ-Wächter, die sich nach dem Krieg nach Amerika abgesetzt haben, habhaft zu werden und ihn dafür, dass er den Vater so schwer gedemütigt hat, zur Rechenschaft zu ziehen.

Einen, den Alois Lange, findet er noch. Doch der ist ein bejammernswerter alter Kerl geworden – er wird charakterisiert in einem großen, einen großartigen symbolischen Filmbild.

Wird er ihn erschießen?

Wieder ein außergewöhnlicher Film. Die originellen Stationen der Reise an das Todesbett des Vaters: o. k. Die Suche nach dem feigen untergetauchten Nazi-Verbrecher: o. k. Cheyennes träge gewordener Charakter, seine kindlich gewordene Art, sein passives Leben (bis zum Road-Movie-Teil), sein beinahe Mitleid erregendes Auftreten: schon vom Autor her als Idee sehr gewagt und gewöhnungsbedürftig.

Aufgewogen werden alle eventuellen Mängel durch Sean Penn. Wie er die ihm aufgetragene Figur verkörpert: sensationell. Es gibt kein anderes Wort. Schon deshalb ist „Cheyenne – This must be the place“ sehenswert.

Harry Dean Stanton, Judd Hirsch, David Byrne (auch für die Musik verantwortlich) und Frances McDormand (Ehefrau) begleiten ihn gut. Endlich ist letztere wieder einmal auf der großen Leinwand zu sehen.

Thomas Engel