Citizenfour

Keine anderthalb Jahre ist es her, dass einer der, vielleicht auch der größte Überwachungsskandal der Geschichte ans Licht der Öffentlichkeit kam. Dass Laura Poitras Film über die Enthüllungen des NSA-Mitarbeiters Edward Snowden jetzt schon in die Kinos kommt, verschafft "Citizenfour" besondere Relevanz, was er über den Menschen hinter den Enthüllungen erzählt, macht ihn zu einem herausragenden Film.

Webseite: https://citizenfourfilm.com

USA/ Deutschland 2014 – Dokumentation
Regie: Laura Poitras
Länge: 114 Minuten
Verleih: Piffl
Kinostart: 6. November 2014
 

FILMKRITIK:

Mitte Juni 2013 war es, als eine Nachricht wie eine Bombe einschlug: Man hatte ja geahnt, dass weite Teile der Internet- und Telefonkommunikation überwacht wird, aber nun gab es hieb und stichfeste Beweise, die belegten, dass die Vereinigten Staaten, aber auch Großbritannien praktisch Alles und Jeden überwachten: Jede email, jedes Telefonat, jede SMS wird abgefangen und gespeichert. Der Mann, der diesen Skandal (der anderthalb Jahre später praktisch immer noch keine Konsequenzen nach sich gezogen hat) an die Öffentlichkeit brachte, war nur für wenige Tage ein Unbekannter. Bald gab er sich als Edward Snowden zu erkennen, ehemaliger Mitarbeiter einer Tochtergesellschaft des amerikanischen Geheimdienstes NSA, tauchte kurze Zeit später unter und fand ironischerweise im nicht unbedingt Bürgerrechtsfreundlichen Russland politisches Asyl.

In den Tagen der Enthüllung war neben dem für den englischen Guardian arbeitenden Journalisten Glenn Greenwald auch die Dokumentarfilmerin Laura Poitras hautnah dabei. Poitras hatte sich mit ihren Filmen "My Country, My Country" und "The Oath" einen Namen als kritische Regisseurin gemacht, die nicht davor zurückscheute, die moralischen und politischen Abgründe zu benennen, in die Amerika nach dem elften September zunehmend abdriftete. Unter dem Pseudonym citizenfour hatte Snowden Poitras kontaktiert, ein Treffen in Hong Kong wurde verabredet, das nun das Herz dieses Films ausmacht. Eine gute Stunde verlässt man in "Citizenfour" nicht das Hotelzimmer, in dem Snowden acht Tage lang Auskunft gibt, interviewt vor allem von Greenwald und einem Kollegen, gefilmt von Poitras, die nur mit gelegentlichen Fragen zu hören wird, die sich vor allem um Snowdens emotionalen Zustand drehen. Und das ist der wirklich interessante Aspekt des Films.

Denn während die Enthüllungen über die gigantischen Abhörmaßnahmen, den Bruch der Bürgerrechte, den Verlust der Freiheit jedem regelmäßigen Zeitungsleser oder Nachrichtenzuschauer bekannt sind, ist die Person Edward Snowden doch weitestgehend ein Unbekannter geblieben. Zwischen Held und Verräter bewegen sich die Bewertungen, doch wirklich nah ist man dem inzwischen 30jährigen nie gekommen. Und auch vor Poitras Kamera bewahrt Snowden stets seine Contenance, bleibt ruhig und konzentriert. Und doch gelingt es der Regisseurin das Bild eines Mannes zu zeigen, der zwar davon überzeugt ist, das Richtige zu tun, dem aber doch auch bewusst ist, was er dafür aufgibt. So sehr Snowden auch immer wieder betont, dass ihm die Konsequenzen seiner Tat bewusst sind, dass sein persönliches Schicksal ihm egal ist, wenn da im Hotel plötzlich der Feueralarm angeht, spürt man, wie Snowden sofort unruhig wird. Auch wenn er mit seiner langjährigen Freundin, die nichts von seiner Tat ahnte, schreibt, sich Sorgen macht und er ahnt, was für Konsequenzen sein handeln möglicherweise für gänzlich Unbeteiligte hat, gelingt es Poitras den Menschen hinter der Nachricht zu porträtieren.

In den Minuten vor und nach diesem Herzstück ihres Films, zeichnet Poitras in groben Zügen die Vorgeschichte und das Nachspiel. Diese Passagen mögen zwar weniger fesselnd sein, zumal sie teilweise eher einer konventionellen TV-Reportage ähneln. Und doch zeigen sie zwei Dinge: Zum einen, wie wenig sich durch die eigentlich skandalösen Enthüllungen Snowdens bislang geändert hat, zum anderen aber auch, welche Bedeutung der Mut Snowdens hatte: In einer der letzten Szenen des Films ist von einem weiteren Whistle-Blower  die Rede, der Snowdens Enthüllungen offensichtlich als Vorbild genommen hat und nun neue, unbequeme Fakten ans Licht der Öffentlichkeit bringt. Ohne ihn auf ein Podest zu stellen, zeigt Laura Poitras den Einfluss von Snowden, dessen überlegte Vorgehensweise vielleicht keine sofortigen Konsequenzen nach sich zog, aber vielleicht den Startschuss für eine Entwicklung gegeben hat, die irgendwann zu einem Umdenken der Öffentlichkeit und vor allem der Politik führen wird.
 
Michael Meyn