Clash

In Mohamed Diabs packendem Revolutions-Thriller „Clash“, der kurz nach dem Militärputsch in Ägypten spielt, treffen 25 unterschiedliche Menschen aufeinander – in einem viel zu engen Polizei-Truck, in dem fast der komplette Film spielt. Sie alle wurden von den Sicherheitskräften festgenommen. Darunter: Muslimbrüder, Anhänger des Militärs, unbeteiligte Bürger, Jugendliche sowie Pressevertreter. Eine explosive Mischung. Der klaustrophobische Film vermittelt seine bedrückende Stimmung und die beklemmende Enge im Wageninneren mit Hilfe dringlicher Handkamera-Bilder und unerwarteter Wendungen.

Webseite: www.missingfilms.de

Frankreich, Ägypten 2016
Regie: Mohamed Diab
Drehbuch: Mohamed Diab
Darsteller: Nelly Karim, Hany Adel, Tarek Abdel Aziz, Ahmed Malek, Khaled Kamal
Länge: 97 Minuten
Verleih: missingFilms
Kinostart: 19. Oktober 2017

FILMKRITIK:

Kairo, Sommer 2013: Ägypten hat in der jüngsten Vergangenheit mit der Revolution und den ersten freien Wahlen, entscheidende Wandlungen durchlebt, doch jetzt befindet sich das Land im Chaos. Denn der Militärputsch spaltet das Land: auf der Straße liefern sich Muslimbrüder und das Militär blutige Gefechte. Mittendrin befinden sich die Revolutionäre des Tahrir-Platzes. Im Zuge der Straßenkämpfe, wird eine Gruppe von Menschen in ein viel zu enges Transportfahrzeug gepfercht. Im Inneren treffen Gegner und Anhänger der Muslimbrüder zusammen. Während draußen die Gefechte unvermindert weitergehen, müssen die Menschen im Inneren ihre ganz eigenen Kämpfe ausfechten.

„Clash“ eröffnete im vergangenen Jahr die internationalen Filmfestspiele von Cannes in der Reihe „Un Certain Regard“. Der Film ist – nach „Kairo 678“ – der zweite Film von Regisseur Mohamed Diab, der sich mit der politischen Situation in Ägypten befasst. Diab, lebte viele Jahre in der ägyptischen Großstadt Ismailia, unweit von Kairo. Später ging er nach New York und studierte „Drehbuch“. „Clash“ wurde unter extremen Drehbedingungen inszeniert. So hatten die Darsteller fast die gesamte Zeit über nur acht Quadratmeter Platz, um miteinander zum Interagieren.  Größer war die Ladefläche des Polizeitrucks, in dem der Film spielt, nicht.

Der große Reiz von Diabs Kammerspiel-Thriller ist, dass es für die zahlreichen Involvierten im bunt zusammengewürfelten Figurenkabinett kein Entrinnen gibt. Sie sind eingesperrt in einem Transportfahrzeug, das eigentlich nur für – maximal – zehn Personen ausgelegt ist. In „Clash“ aber prallen 25 Figuren willkürlich und ohne Vorwarnung aufeinander. Und mit ihnen völlig gegensätzliche Ideologien, Glaubensrichtungen und Ansichten. Stellvertretend stehen die Charaktere zudem für die ägyptische Gesellschaft.

Denn ebenso wie in der Gesellschaft so sind auch im Wagen Gläubige und Nicht-Gläubige vorhanden, Befürworter der Muslimbrüder (denen der gestürzte Präsident Mursi angehörte) sowie Unterstützer der Armee. Aber auch völlig unbeteiligte und an Politik wenig interessierte Personen, die nur zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren, geraten in den Truck. Darunter einige Jugendliche, die sich mehr für ihren nächsten DJ-Gig oder ihre Haare interessieren als für die Gründe, die zu den Unruhen führten. Dass Diab die Eingesperrten als Spiegelbild einer innerlich zutiefst zerrütteten  und gespaltenen Gesellschaft fungieren lässt, ist ein geschickter, sehr intelligenter Schachzug. Er verdeutlicht wie schwer es ist, Menschen verschiedener politischer Gesinnungen und Meinungen, unter einem System zu vereinen.

Obwohl der immer wieder mit unerwarteten Wendungen garnierte Film quasi die ganze Zeit nur im Wagen spielt, kommt keine Langeweile auf. Dafür ist die Stimmung in seinem Inneren viel zu angespannt und explosiv. Zudem zehrt der Überlebenskampf der Eingeschlossenen auch an den Nerven des Zuschauers. Das Fahrzeug hat nur wenig Fenster, weshalb die Menschen abwechselnd ihre Gesichter nach draußen halten, um ein bisschen Frischluft abzubekommen. Hinzu kommen unerträgliche Hitze, Durst und die Ungewissheit, wohin sie gebracht werden. Als von außen durch die kurzzeitig geöffnete Tür geschossen wird und daraufhin Blut fließt, droht die Lage zu eskalieren. Das alles zeigt der Film in dringlichen Handkamera-Bildern, die ebenso für die Intensität verantwortlich sind.

Am Ende von „Clash“ herrscht im Transporter das totale Chaos. Versinnbildlicht wird das durch unzählige, wirr umher leuchtende grüne Laserpointer, die als Waffen dienen – und die einzige Möglichkeit für den Zuschauer sind um zu erkennen, was sich gerade abspielt. Am Schluss verkehrt sich der bis dahin größte Wunsch der Eingesperrten, die Freiheit, radikal ins Gegenteil. Denn in der letzten Sequenz kämpfen sie nicht mehr darum, aus dem Truck zu gelangen, sondern in ihm zu bleiben.

Björn Schneider