Climax

Es beginnt unspektakulär: Die Proben einer französischen Tanzgruppe für eine USA-Tour laufen erfolgreich. Im Anschluss wird gefeiert. Kurz darauf aber werden die Bemerkungen anzüglicher, die Stimmungen aggressiver. Nur die Vorboten dessen, was sich bald in einen exzessiven Höllentrip entwickelt. Gaspar Noés neuer Film ist ein maßloses, von treibenden Klängen unterlegtes Spektakel für Augen und Ohren, das man so schnell nicht vergisst. Der Argentinier untermauert damit seinen Ruf als Agent Provocateur, der mit seinen anstößigen Bildern den Mensch einmal mehr als triebgesteuertes, übersexualisiertes Geschöpf entblößt.

Webseite: www.climax-film.de

Frankreich 2018
Regie & Drehbuch: Gaspar Noé
Darsteller: Sofia Boutella, Romain Guillermic, Giselle Palmer, Taylor Kastle, Kiddy Smile, Lea Vlamos
Länge: 95 Minuten
Kinostart: 06. Dezember 2018
Verleih: Alamode

FILMKRITIK:

Zwei Dutzend Tänzerinnen und Tänzer (u.a. Sofia Boutella, Romain Guillermic, Kiddy Smile) beziehen eine abgeschiedene Turnhalle, um ihre Choreografien zu üben. Bei der anschließenden Party kommt es jedoch zum kollektiven Exzess, denn: Ein Unbekannter hat LSD in die Sangría gemischt. Dem Glücksgefühl weichen Hass, Vorurteile und Brutalität. Zuneigung entwickelt sich in ungezügelte Lust und Verlangen. Bald fließt Blut. Am nächsten Morgen treffen Polizisten ein und entdecken das ganze Ausmaß einer völlig aus dem Ruder gelaufenen Nacht.

Drei Jahre nach seinem Liebes-Drama „Love“ kehrt Gaspar Noé mit „Climax“ zurück auf die große Leinwand. Europas wohl kontroversester Regisseur („Enter the void“, „Irreversibel“) inszenierte sein mit Thriller- und Horror-Elementen angereichertes Musical-Drama überwiegend mit Profi-Tänzern ohne Schauspielerfahrung. „Climax“ kostete nur zweieinhalb Millionen Dollar und feierte beim diesjährigen Festival in Cannes Weltpremiere.

Der Film ist thematisch und hinsichtlich seiner Atmosphäre in zwei Abschnitte geteilt. Im ersten Teil stehen die Einführung der Protagonisten und die Tanzproben im Zentrum. Schon die Etablierung der Figuren ist – typisch für Noé – alles andere als gewöhnlich. In dokumentarischem Stil werden die Tänzer zu ihren Träumen und dem aktuellen Gemütszustand befragt. Zu sehen sind diese Interviews auf einem alten Fernseher, das Bild ist körnig. Wichtig aber ist, seine Aufmerksamkeit auf all jene VHS-Kassetten und Bücher zu lenken, die um das TV-Gerät herum gestapelt sind. Diese Medien mögen viel über die Person aussagen, die die Interviews geführt hat (vermutlich die Choreografin oder Leiterin der Tanzgruppe). Sie können aber auch stellvertretend für den Film- und Literaturgeschmack Gaspar Noés stehen. Zu sehen sind Kassettenhüllen von surrealen Filmen und Horror-Klassikern wie „Zombie“ oder „Videodrome“, daneben liegen Bücher über psycho-therapeutische Methoden.

Dass die musikalische Untermalung eine eminent wichtige Rolle im Film spielt, wird mit Beginn der Tänze deutlich, die Noé enthemmt und spektakulär einfängt. Zu pulsierenden Disco-, Synthie- und Hip-Hop-Klassikern („Born to be alive“, „Pump up the volume“) filmt er die Tänzer in langen Einstellungen und außergewöhnlichen Kameraperspektiven. Mal ist die Kamera mitten im Geschehen, mal hält sie Abstand, mal beobachtet sie das Geschehen von oben. Den Tänzern ist gemein, dass sie alle über eine atemberaubende Technik verfügen und  ihre Körper gummiartig verbiegen können.

Nach der Probe beginnt die Aftershow-Party und damit ändert sich langsam aber sich auch die Stimmung im Film. Spätestens als die ersten Beteiligten merken, dass sich ihre Wahrnehmung verändert und jemand die Getränke mit verbotenen Substanzen angereichert haben muss, wandelt sich die harmlose Feier in einen eskalierenden Trip. Während sich die Anwesenden gegenseitig verdächtigen, entfaltet das LSD allmählich seine Wirkung.

Es kommt in der Folge zum orgiastischen Rausch, bei dem Noé alle (audiovisuellen) Register zieht. Die Musik wird dabei zum pumpenden, fast aggressiven Soundtrack  der entfesselten Szenen auf der Leinwand, die den Menschen als genusssüchtiges, paranoides und gewalttätiges  Wesen zeigen, der einzig seine Bedürfnisse zu befriedigen versucht. Diese zweite Filmhälfte ist nichts für zarte Gemüter (bei der Pressevorführung verließen einige frühzeitig den Saal). Wie bei Noé üblich fällt allerdings auch das Wegsehen schwer, da er menschliche Abgründe so radikal offenlegt wie niemand sonst.

Björn Schneider