Club der roten Bänder – Wie alles begann

Mit der tragikomischen Krankenhausserie „Club der roten Bänder“ landete der Privatsender VOX von 2015 bis 2017 einen Megahit, der auch international mit Preisen ausgezeichnet wurde. Der dazugehörige Kinofilm „Club der roten Bänder – Wie alles begann“ schildert nun die Vorgeschichte der Gang. Das ist natürlich in erster Linie Fanservice, aber Liebhaber der Serie bekommen richtig was zum Freuen, denn anstatt Kalkül spürt man hier einmal mehr die Lieber der Schöpfer zu ihren Figuren.

Webseite: www.club-der-roten-baender-film.de

Deutschland 2018
Regie: Felix Binder
Darsteller: Tim Oliver Schultz, Luise Befort, Nick Julius Schuck, Damian Hardung, Ivo Kortlang, Timur Bartels, Jürgen Vogel,
Länge: 110 Minuten
Verleih: Universum Film
Kinostart: 14. Februar 2019

FILMKRITIK:

Lange bevor Leo (Tim Oliver Schulz), Jonas (Damian Hardung), Emma (Luise Befort), Alex (Timur Bartels), Hugo (Nick Julius Schuck) und Toni (Ivo Kortlang) als „Club der roten Bänder“ ihren Krankenhausalltag miteinander teilen, müssen sie alle unabhängig voneinander schwere Schicksalsschläge durchstehen. Vor allem Leonard durchlebt eine Krise nach der anderen: Nach einer Krebsdiagnose muss ihm nicht nur das Bein amputiert werden, auch seine Mutter stirbt an den Folgen eines Tumors. Ein wenig Halt gibt ihm neben seiner Schwester nur sein zunächst abweisender Zimmergenosse Ben (Jürgen Vogel), der ihm hilft, mit der neuen Situation umzugehen. Derweil bekommt die essgestörte Luise Probleme mit der Polizei, als sie beim Drogenkaufen an einen verdeckten Ermittler gerät. Jonas‘ Bruder hört selbst dann nicht auf, ihn zu schikanieren, als auch er mit einer schlimmen Krankheitsdiagnose konfrontiert wird. Alex leidet unter dem Weggang seiner Mutter, nachdem diese von ihrem Vater betrogen wurde. Der autistische Toni versucht verzweifelt, Freunde zu finden und über allen wacht der im Koma liegende Hugo als eine Art guter Geist, der später dafür sorgen wird, dass sich die sechs Freunde zusammentun…
 
Basierend auf der katalanischen Erfolgsserie „Polseres vermelles“ sowie deren Buchvorlage „Glücksgeheimnisse aus der gelben Welt“ brachte VOX 2015 seine erste eigenproduzierte TV-Serie heraus. Mit teilweise bis zu drei Millionen Zuschauern in der umworbenen Zielgruppe erwies sich das tragikomische, auf wahren Ereignissen des Autoren Albert Espinosa als echter Crowdpleaser. Auch das Feuilleton zeigte sich beeindruckt von dem Balanceakt, die harte Realität innerhalb einer Krankenhausstation gleichermaßen leichtfüßig, dabei jedoch nie verklärend zu inszenieren; Krebs, Essstörungen, Amputationen, Autismus – all diese und noch viel mehr Thematiken griffen die Drehbuchautoren und Regisseure im Rahmen der 30 Episoden auf – auf jedes Lachen folgte eine Träne. Damit trafen die Macher direkt ins Herz ihrer Zuschauer. Und doch war nach drei Staffeln Schluss. Bisher haben die Macher Wort gehalten, trotzdem kommt mit „Wie alles begann“ nun ein abschließender Kinofilm in die Lichtspielhäuser, der die Serienereignisse allerdings nicht fortführt, sondern sich stattdessen als Prequel erweist. Und als dieses besitzt der „Club der roten Bänder“-Film für Außenstehende natürlich keinerlei erzählerische Relevanz; dass die Tragikomödie vor allem Exposition für die zeitlich danach angesiedelten Serienfolgen ist, ist selbstredend. Doch die Macher ergänzen die bekannten Figuren aufrichtig um zahlreiche weitere Ecken und Kanten, sodass wir noch einmal ganz neue Seiten an den liebgewonnenen Charakteren entdecken – und einen ganz neuen, von dem wir uns gewünscht hätten, er wäre auch in der Serie dabei gewesen.
 
Während die Serie sämtlichen Club-Mitgliedern eine ähnliche Screentime einräumt, steht im Kinofilm vor allem die Figur des Leonard im Fokus. Das ist naheliegend, schließlich wird er in der TV-Show als derjenige etabliert, der schon am längsten im Krankenhaus verweilt und später ohnehin zum Anführer der Gang wird. Gleichzeitig ist seine Lebensgeschichte aber auch ganz einfach die spannendste: Mit der Krebserkrankung und dem darauffolgenden Tod seiner Mutter über die Amputation des Beines bis hin zum tragischen Verlust seines besten Freundes bekommt der sich später Leo nennende Patient einmal die ganze Bandbreite an tragischen Schicksalsschlägen ab. Wir entdecken also, wie Leonard zu Leo wird; und gerade für die Serienzuschauer ist das besonders emotional, die bereits viele Jahre Zeit mit ihm verbracht haben. Die anderen Figuren bleiben im Film erst einmal Nebencharaktere. Diese Entscheidung ist richtig, denn nicht jede von ihnen besitzt das Potential für eine ausführliche Betrachtung. Gleichzeitig nimmt das diesen Handlungssträngen aber auch ein wenig Substanz; natürlich müssen Jonas, Emma, Alex, Hugo und Toni auch dabei sein, doch da beispielsweise Tonis Subplot nur aus einer Aneinanderreihung von Allgemeinplätzen besteht, wäre es hier fast besser gewesen, ihn ganz zu streichen.
 
Das sind allerdings nur Randnotizen, denn in erster Linie ist bei einem solchen Film wichtig, dass er die Atmosphäre der Vorlage trifft. Und sicher auch dank der Beteiligung von Regisseur Felix Binder, der als Inszenator einiger Serienfolgen und Schreiber einiger Drehbücher bestens mit der Materie vertraut ist, holt „Club der roten Bänder – Wie alles begann“ an dieser Stelle die volle Punktzahl. Die Dialoge, die technische Aufmachung und die serielle Dramaturgie entsprechend exakt dem, was man von dem Format gewohnt ist. Und ein Jürgen Vogel („So viel Zeit“) veredelt das Ganze dann noch einmal zusätzlich.
 
Antje Wessels