Cobain: Montage of Heck

Kurt Cobain wurde das Sprachrohr seiner Generation genannt – eine Rolle, die er nie für sich beanspruchte und die ihn hoffnungslos überforderte. Der „Nirvana“-Frontmann war ein hoch sensibler, zutiefst unglücklicher junger Mann. Und mit dem ungeheuren Talent gesegnet, seine Gefühle musikalisch auszudrücken. Regisseur Brett Morgan stand für sein Filmprojekt Cobains gesamter Nachlass zur Verfügung. Er montiert daraus eine Doku, die nicht die Karriere, sondern das kurze Leben des Musikers in den Fokus nimmt.

Webseite: www.cobainfilm.com

USA 2015
Buch und Regie: Brett Morgan
Produzentin: Francis Bean Cobain
Länge: 135 Minuten
Verleih: Arts Alliance
Kinostart: 9. April 2015

FILMKRITIK:

Hört man die Musik von Nirvana heute, erscheint es unglaublich, das seit Cobains Selbstmord am 5. April 1994 wirklich mehr als 20 Jahre vergangen sein sollen. Die Frustration, die Wut, die Härte und auch Verletzlichkeit haben keine Patina angesetzt, die Musik klingt noch genauso dringlich. Vielleicht erklärt sich auch dadurch, dass Kurt Cobain nach seinem Tod zu einer Rock-Ikone wurde, nur vergleichbar noch mit dem ebenfalls so jung gestorbenen Jimi Hendrix. Die Doku „Cobain: Montage of Heck“, die nur kurz im Kino läuft und dann im Fernsehen ausgewertet wird, unternimmt den Versuch, hinter der öffentlichen Figur den Menschen zu entdecken.
 
Schon als Kind wurde Kurt Cobain ein ruhig stellendes Medikament verschrieben, weil er angeblich unter Hyperaktivität litt. Als er neun Jahre alt war, ließen sich seine Eltern scheiden. Es folgten unstete Jahre, in denen er zwischen den Häusern von Mutter und Vater hin- und hergeschoben wurde. Als Jugendlicher war Kurt Cobain an der Schule ein Außenseiter, litt unter Depressionen und Entfremdung und entfloh der Realität durch massiven Marihuana-Genuss. Als er Underground und Punk-Musik kennenlernte, fand er endlich einen Weg, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Auf den unfassbaren weltweiten Erfolg der zweiten Nirvana-Platte „Nevermind“ aber war Cobain nicht vorbereitet. Er hatte schon vorher begonnen, sich Heroin zu spritzen. Sein gespaltenes Verhältnis zu den Medien entwickelte ein verhängnisvolles Momentum, als seine Drogensucht bekannt wurde. Nach einem Artikel in der „Vanity Fair“ entzogen die Behörden ihm und seiner Frau Courtney Love das Sorgerecht für ihre neugeborene Tochter. Cobain nahm mit Nirvana ein weiteres Album auf, fand im Leben aber nie zu Stabilität.
 
Regisseur Brett Morgan entlehnt den Titel „Montage of Heck“ einem Tape, das er in Cobains Nachlass fand. Darin hatte der Musiker, der Zeit seines Lebens ständig kreativ war, Gesprächsfetzen, Geräusche und Songs aufgenommen. Diese „Montage aus der Hölle“ bildet die Blaupause für Morgans Zugang zu Cobains Leben. Er kombiniert Einträge aus dessen Notizbüchern, Zeichnungen, Interviews, Animations-Sequenzen und Super-8-Aufnahmen zu einer Montage, die stellenweise an Videokunst erinnert. So arbeitet der Regisseur mit Bildern und drückt darüber Cobains Gefühle aus, ohne sie von einem dritten rekapitulieren lassen zu müssen. Ein sehr direkter, filmischer Zugang, der, von einigen Länge abgesehen, völlig überzeugt.
 
Cobains Leben wird in diesem Film zu einem über weite Strecken gespenstischen Porträt einer dysfunktionalen Familie. Zu kurz kommt dagegen seine Karriere. Über die Beziehungen innerhalb der Band erzählt der Film fast nichts. Drummer Dave Grohl kommt in dem von Cobains Tochter produzierten Film gar nicht zu Wort. Hier bleibt noch genügend Raum für weitere filmische Exkursionen in den abseitigen Kosmos von Kurt Cobain und Nirvana.
 
Oliver Kaever