Comrade, Where Are You Today?

In leisen Tönen und mit feiner Melancholie erzählt Kirsi Marie Liimatainen von der weltweiten Suche nach ihren alten Kommilitonen. 1988/1989 studierten sie gemeinsam an der FDJ-Jugendhochschule der DDR in der Nähe von Berlin. Damals waren sie jung, voller Ideale und Optimismus. Was ist aus ihnen geworden? Was machen die revolutionären Kämpfer von damals heute? Die finnische Filmemacherin hat ihre eigene Biographie als Ausgangspunkt für eine etwas spröde, aber spannende Story gewählt, in der es um die Geschichte der linken Bewegungen und letztlich um die Veränderung der Welt geht. Dabei glorifiziert sie die Vergangenheit nicht, obwohl in den Rückblicken immer etwas Wehmut mitschwingt. Der Film ist vor allem dank des umfangreichen Archivmaterials ein hoch interessantes Zeitdokument, auch für jüngere Kino- und Geschichtsfans.

Webseite: www.comrade.wfilm.de

Dokumentarfilm
Deutschland, Finnland 2016
Buch und Regie: Kirsi Marie Liimatainen
Kamera: Yoliswa von Dallwitz, Christian Marohl, Till Vielrose, Hanno Kunow, Marc-Christian Weber
Länge: 110 Minuten
Verleih: W-film Distribution
Kinostart: 18. August 2016
 

FILMKRITIK:

Als die junge Arbeitertochter Kirsi aus dem finnischen Tampere 1988 in die DDR kam, um an der Wilhelm-Pieck-Jugendhochschule die Lehren von Marx und Lenin zu studieren, ahnte niemand, dass die linken und revolutionären Ideen, denen sich hier junge Leute aus der ganzen Welt verschrieben hatten, innerhalb kurzer Zeit zum Auslaufmodell werden würden. Zuhause in Finnland hatte Kirsi Häuser besetzt – hier in der DDR traf sie auf Kämpfer aus der ganzen Welt, viele trugen Tarnnamen, weil sie aufgrund ihrer politischen Überzeugungen im Untergrund lebten. Mehr als 20 Jahre später macht sich Kirsi auf die Suche nach den Weggefährtinnen und –gefährten von damals. Sie reist um die ganze Welt, um wieder Kontakt aufzunehmen und vor allem, um Fragen zu stellen: Wie blicken sie heute auf damals zurück? Was ist von ihrer Ideologie übrig geblieben? Sind sie politisch tätig? Und wenn ja, in welcher Form? Kirsis Reisen führen sie in Länder, die über Jahrzehnte Krisenherde waren und es manchmal noch sind: Bolivien, Chile, der Libanon, Südafrika …
 
Im Vordergrund stehen die Menschen, die Kirsi einst kannte und nun noch einmal kennenlernen wird. Früher träumten sie davon, die Welt zu verändern. Kirsi und ihre Freundinnen und Freunde sind sich über die Jahrzehnte treu geblieben, auch wenn sich die meisten von der kommunistischen Ideologie losgesagt haben. Manchmal hat sich nur der Standpunkt etwas verlagert: Nidia aus Bolivien ist heute eine Heilerin in der traditionellen indigenen Medizin und noch immer politisch aktiv. Die beiden Frauen reisen nach Chile und besuchen Marcelino. Die sozialistische Lehre prägt ihn ebenfalls bis heute. Beinahe noch interessanter als die Stationen in Lateinamerika ist die Reise in den Libanon, den Kirsi gemeinsam mit ihrem ehemaligen Kommilitonen Nabir besucht, um ihren gemeinsamen Freund Ghazwan aufzuspüren. Seinerzeit tobte der Bürgerkrieg im Libanon – heute gibt es keine nennenswerte linke Bewegung mehr. Ghazwan lebt mit seiner Familie im Süd-Libanon, wo religiös geprägte Gruppen die politische Szene dominieren. Hier wird nicht diskutiert, hier wird geschossen. In Südafrika hingegen ist nach außen alles einigermaßen ruhig, die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung ist zumindest auf dem Papier vorhanden, doch die Ungleichheiten bestehen weiter. Kirsis Suche nach ihrem alten Freund Duma, einem ehemaligen ANC-Kämpfer, der mit der Waffe in der Hand gegen die Apartheid kämpfte, führt sie über viele Stationen schließlich auf den Heldenfriedhof. Duma konnte die Freiheit nicht lange genießen …
 
Nur selten wird Kirsi Marie Liimatainen emotional. Meist berichtet sie eher spröde von der Vergangenheit. Der Schwung und der Idealismus ihrer Jugend teilt sich mehr über die Bilder mit als über den Kommentar: Die Archivaufnahmen zeigen fröhliche, engagierte junge Menschen aus der ganzen Welt, deren Idealismus beinahe körperlich spürbar ist. Dagegen stehen die Bilder von heute. Das Gebäude der ehemaligen Wilhelm-Pieck-Jugendhochschule verrottet langsam vor sich hin und versprüht den leicht morbiden Charme einer realsozialistischen Ruine. Auch die Heldinnen und Helden von damals sind alt geworden – aber nur äußerlich. Denn in ihren Herzen haben sie sich etwas bewahrt, was wichtiger ist als eine hübsche Fassade: die Erinnerung an eine Zeit, als sie hoffen durften, dass die Welt dank ihrer Mitwirkung irgendwann eine bessere werden würde.
 
Kirsi Marie Liimatainen hat für ihr Film gewordenes Geschichtsbuch der linken Bewegungen eine passende seriöse Form gefunden, die sich angenehm von vielen reißerisch menschelnden TV-Features abhebt. So ist der Film dann nicht nur eine spannende Reminiszenz, sondern unterschwellig auch ein Appell an die Jugend, sich nicht dem pessimistischen Zeitgeist zu ergeben.
 
Gaby Sikorski