Conducta – Wir werden sein wie Che

Carmela, die Lehrerin einer Klasse von etwa zehn- bis elfjährigen Kindern, ist so etwas wie die Madame Anne von Havanna. Sie weiß um die sozialen und privaten Probleme ihrer Schüler und versucht, im Kampf gegen eine absurde Schulpolitik das Beste für sie möglich zu machen. Der mit dem Hauptpreis beim Filmfestival in Havanna ausgezeichnete Spielfilm von Ernesto Daranas gefällt durch seinen Realismus, der nichts beschönigt, aber auch nicht schwarz malt. Und er erzählt mit Humor und einem Sinn für Menschlichkeit von einer Freundschaft, die mehr ist als nur die Pflichterfüllung einer erfahrenen Lehrerin und eines lebenskünstlerisch aufwachsenden Schülers. 
2014 wurde CONDUCTA mit dem Hauptpreis der internationalen Jury beim Filmfestival Havanna ausgezeichnet.

Webseite: www.kairosfilm.de

Kuba 2014
Regie: Ernesto Daranas
Darsteller: Alina Rodriguez, Armando Valdés Freire, Silvia Aguila, Yuliet Cruz, Armando Miguel Gómez, Amaly Junco
108 Minuten
Kinostart: 7.1.2016
Verleih: Kairos Filmverleih
 

FILMKRITIK:

Die Lehrerin Carmela steht kurz vor ihrer Pensionierung, hat entsprechend schon verschiedenste Generationen von Schülern kommen, aufwachsen und gehen gesehen. Auch die aktuelle Schuldirektorin, den Verwalter einer Sonderschule sowie die Mutter ihres Lieblingsschülers Chala hat sie schon unterrichtet. Der aber soll nun, so will es die Schulleitung, wegen diverser Auffälligkeiten und Versäumnisse auf eine Sonderschule geschickt werden. Das aber will Carmela nicht zulassen. Sie weiß, dass Chala sich Zuhause um mehr als nur die Hausaufgaben kümmern muss. Die Mutter trinkt, sein mutmaßlicher Vater schlägt sich mit illegalen Hundekämpfen durchs Leben. Indem er die Hunde versorgt, kann Chala immerhin etwas Geld verdienen, außerdem verkauft er ab und an eine seiner gezüchteten Tauben (man denkt bei den Szenen beim Taubenverschlag auf dem Dach gleich an Forest Whitaker in Jim Jarmuschs „Ghost Dog“). Der Junge tut, was er tun muss. Der Lehrerin die Einkaufstaschen nach Hause zu tragen ist für ihn dabei ebenso selbstverständlich.
 
Und noch ein zweites Kind droht der munteren Klassengemeinschaft entrissen zu werden – einfach nur deshalb, weil der Vater des Mädchens Yeni mit seinem Fahrradtaxi nicht in Havanna, sondern nur in der Provinz gemeldet ist. Dort aber würde Yeni nicht die ihrem Niveau entsprechende Schulbildung geniessen können. Welches Politikum hinter dieser Ausgrenzung steckt, zeigt sich auch daran, dass Yeni von bösartigen Mitschülern als „Palästinenserin“ bezeichnet wird. Entsprechend setzt sich Carmela auch hier dafür ein, dass das Mädchen bleiben darf.
 
Die Geschichte über diese beiden Kinder und ihr soziales Umfeld erzählt Ernesto Daranas auf sachliche und unaufgeregte, die Lebensumstände dafür aber sehr genau beobachtende und beschreibende Weise. Chala ist im Unterschied zu jenem Jungen, der kürzlich im dokumentarischen Film „Der große Tag“ von einer Karriere als Boxer träumte, um so der Armut in Kuba entfliehen zu können, weitaus bodenständiger, alles andere als ein Träumer. Carmela gibt hier als Erziehungsperson wichtige Impulse, vermittelt sie doch den Schülern nicht nur Wissen, sondern auch Werte und erklärt ihnen, dass sie es selbst in der Hand haben, durch ihr Verhalten und ihre Lernbereitschaft die eigene Zukunft ein stückweit gestalten und beeinflussen zu können.

Der deutsche Nebentitel – „Wir werden sein wie Che“ – bezieht sich übrigens auf eine Zeile aus einem Lied, das bis heute vom Kindergarten an in kubanischen Erziehungseinrichtungen gesungen wird und in dem sich die Kinder und Schüler als „Pioniere des Kommunismus“ bezeichnen. Dass das Bildungssystem nach wie vor daran festhält, wird im Film unterschwellig jedoch auch kritisiert. Chala etwa meint, nachdem das Lied gesungen ist, ganz trocken: „Bekommen wir jetzt einen argentinischen Pass?“
 
Havanna und seine aus vielen Filmen vertraute Kulisse wird frei von den üblichen Bildern mit nostalgisch anmutenden Autos oder sich wiederholenden Szenen an der Uferstraße Malecón gezeigt. Um die Hinterhöfe mit ihren Häusern und Wohnungen, von deren Wänden der Putz bröckelt, kommt allerdings auch Daranas nicht umhin. Tristesse kommt aber trotzdem nicht auf. Vielmehr freut man sich am letztlich unterschwellig revolutionären Auftreten der Lehrerin und den aufgeweckten Kinderdarstellern, die in der Tat alle das Beste aus ihrem Leben zu machen scheinen, ohne dabei in Depressionen zu versinken. Es ist das Menschliche in diesem Film, das überzeugt.
 
Thomas Volkmann