Congo Calling

Kein einfaches Terrain hat sich Stephan Hilbert für seinen Hochschul-Abschlussfilm ausgesucht: In Goma, einer der unsichersten Städte der Demokratischen Republik Kongo filmte er über Jahre drei Entwicklungshelfer und formte das Material zu einem differenzierten Film, in dem es weniger um den Kongo an sich geht, als um das Verhältnis zwischen Europäern und Afrikanern.

Webseite: www.congo-calling.com

Dokumentation
Deutschland 2019
Regie: Stephan Hilbert
Länge: 90 Minuten
Verleih: jip film & verleih
Kinostart: 22. August 2019

FILMKRITIK:

Mit gut 500.000 Einwohnern ist Goma im 80 Millionen Einwohner Land Demokratische Republik Kongo eher eine Kleinstadt. Doch durch die Lage im äußersten Osten des Landes, ein paar Kilometer von Ruanda, aber sehr weit von der Hauptstadt Kinshasa entfernt, ist Goma das, was man gern ein „heißes Pflaster“ nennt.
 
Während des Bürgerkriegs in Ruanda flohen Hunderttausende in die Region. Auch die Kriege im Kongo selbst destabilisierten den Osten des Landes, dazu kamen diverse Naturkatastrophen, etwa der Ausbruch eines Vulkans, der Anfang der Nuller Jahre weite Teile der Stadt zerstörte. Anders gesagt: Goma ist idealer Platz für westliche Entwicklungshilfe, die seit Jahrzehnten vor Ort aktiv ist und sich bemüht, zu helfen.
 
Drei dieser Helfer stehen im Mittelpunkt von Stephan Hilberts Dokumentation „Congo Calling“, die als Abschlussfilm an der Hochschule für Fernsehen und Film München begann und in Zusammenarbeit mit dem ZDF Kleines Fernsehspiel beendet wurde. Ausgangspunkt war die Freundschaft zwischen Hilbert und einem seiner Protagonisten, dem spanisch-französischen Wissenschaftler Raul, den er vor Ort und bei seinen Forschungsprojekten besuchte. Schon hier zeigte sich die Schwierigkeit, mit erheblichen Geldmitteln ausgestattet, in eines der ärmsten und auch korruptesten Länder der Welt zu kommen und zu versuchen auf Augenhöhe Forschung zu betreiben. TAF – This is Afrika, sagen westliche Entwicklungshelfer oft resigniert zu diesen Strukturen, mit denen sie umgehen müssen, wenn sie denn vor Ort bleiben und etwas bewirken wollen. Und die allermeisten wollen unbedingt etwas bewirken, sind getrieben von einer oft kaum erklärlichen, auch irrationalen und möglicherweise auch von Klischeevorstellungen getriebenen Faszination für Afrika, die sie vieles hinnehmen lässt.
 
Dazu mag man auch den Deutschen Peter zählen, der mit 65 Jahren zu alt für einen Posten in den Strukturen der deutschen Entwicklungshilfe ist, aber dennoch unbedingt im Land bleiben will. Die dritte im Bund ist schließlich die Belgierin Anne-Laure, die nach Jahren in der Entwicklungspolitik nun ein Musikfestival organisiert, vor allem aber mit einem einheimischen Regimekritiker liiert ist, der immer wieder Probleme mit dem autokratischen Regime bekommt.
 
Über Jahre hat Hilpert dieses Trio vor Ort, sozusagen im Feld begleitet und beobachtet und aus diesem Material einen Film geformt, der im wahrsten Sinne des Wortes eine Dokumentation ist. Ohne schon im Vorfeld geplantes Ergebnis filmte Hilbert, zeigt die Entwicklungshelfer bei ihrer Arbeit, ihre Begegnungen mit Einheimischen, die schönen und weniger schönen Seiten des Versuchs, Hilfe zu leisten. Keine dezidierte Kritik an der inzwischen stark umstrittenen Form westlicher Entwicklungshilfe, die allzu oft problematische Abhängigkeitsstrukturen erzeugt, ist „Congo Calling“, sondern das vielschichtige Porträt dreier Menschen. So ähnlich wie die Gründe gewesen sein mögen, in den Kongo zu gehen, so unterschiedlich sind die Erfahrungen des Trios, die Hilbert in seiner zudem stark gefilmten Dokumentation beschreibt. Ein bemerkenswert souveräner Film, genau beobachtet und ohne vom falschen Versprechen geprägt, alle Antworten auf die Fragen zu kennen, die er aufwirft.
 
Michael Meyns