Congo Murder

In Norwegen beschäftigte das Schicksal der Landsmänner Joshua French und Tjostolv Moland jahrelang die Öffentlichkeit. Das Duo saß wegen Mordes im Kongo im Gefängnis, Moland starb während der Haft, French ist inzwischen frei. Ihr Schicksal versucht Marius Holst in seinem Film „Congo Murder“ zu ergründen, der um die Wahrheit kreist und doch stets weiß, dass sie unerreichbar bleiben wird.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Norwegen/Dänemark/Schweden/Deutschland 2018
Regie: Marius Holst
Buch: Stephan Uhlander & Nikolaj Frobenius
Darsteller: Aksel Hennie, Tobias Santelmann, Ine Jansen, Patrick Madise, Anthony Oseyemi, Tone Danielsen, Dennis Storhoi
Länge: 128 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 6. Februar 2020

FILMKRITIK:

2009 begann das Schicksal von Joshu French (Aksel Hennie) und Tjostolv Moland (Tobias Santelmann) eine Wendung zu nehmen, die für den einen mit dem Tod endete, dem anderen erst nach Jahren der Haft in verschiedenen Gefängnissen der Demokratischen Republik Kongo die Rückkehr in seine Heimat ermöglichte.
 
Im Nachbarland Uganda beginnt ihre Reise, ihr Abenteuer, denn als solches war es wohl geplant, zumindest wenn man den Berichten des Duos Glauben schenkt. Bürgerkriege, Angriffe von Rebellen, Putsche, eine komplett unübersichtliche Lage prägte die Region, in die sich die beiden Ex-Militärs stürzten. So wie es Marius Holst in den ersten Minuten seines Films inszeniert, wurde das allein wegen seiner Hautfarbe herausstechende Duo von der einheimischen Bevölkerung mit Argusaugen beobachtet, verfolgt, ausgespäht. Was genau das Duo vorhatte, bleibt offen, ein größerer Geldbetrag scheint eine Rolle gespielt zu haben, doch eins ist unbestritten: In einer finsteren Nacht bleibt ihr Fahrer Abedi Kasongo (Patrick Madise) tot zurück, erschossen, aber von wem? Die Norweger behaupten, sie seien angegriffen worden, ein Militärgericht verurteilt jedoch sie des Mordes und zusätzlich der Spionage für ihre Regierung.
 
French und Moland beteuern ihre Unschuld, ihre Regierung versucht auf diplomatischem Weg eine Lösung herbeizuführen, doch die Verhandlungen gestalten sich schwierig. 2013 stirbt Moland in der Zelle, vermutlich hat sich der an Malaria und psychischen Problemen leidende selbst getötet, doch zunächst wird French wegen Mord an seinem Freund angeklagt.
 
2017 wird French schließlich nach Norwegen ausgeliefert, offiziell aus humanitären Gründen, vermutlich weil auf versteckten Wegen viel Geld geflossen ist. Freigesprochen, von den Mord-Vorwürfen entlastet ist er zwar nicht, aber er lebt heute in Norwegen als freier Mann.
 
Anfangs wollte Marius Holst einen Dokumentarfilm über die Ereignisse drehen, die in Norwegen hohe Wellen schlugen. Nach dem Tod von Moland änderte sich die Lage, ein Drehbuch entstand, ein Versuch, zwar an der Realität entlang zu erzählen, aber doch fiktive Überhöhungen zuzulassen. Das Ergebnis ist nun ein Film, der sich  nicht immer ganz überzeugend zwischen zwei Polen bewegt: Einem um Authentizität bemühtem Doku-Drama, das möglichst genau die tragischen Ereignisse wiedergibt, und einer fiktiven Geschichte, die eine überhöhte Realität zeigt, von der Faszination Afrikas erzählt, von der Abenteuerlust zweier Menschen, die sich komplett überschätzen.
 
Allein dadurch, dass Holst stets die Perspektive der Norweger einnimmt, vor allem die von French, übernimmt er auch ihren Blick, einen Blick von Außen, einen Blick, der von Klischees und Vorurteilen geprägt ist. Praktisch jeder Schwarze ist da ein potentieller Betrüger, jeder Uniformträger korrupt, während das eigene Handeln kaum hinterfragt wird. Wie fahrlässig Moland und French agiert haben, wie sie durch ihr Handeln sich und andere gefährdet und am Ende auch getötet haben, scheint dagegen nur unterschwellig durch. Am Ende wirft „Congo Murder“ viele Fragen auf, über Afrika-Klischees, über Rassismus, aber auch über die Darstellung von Ereignissen, die so sehr im Dunklen liegen, dass man ihnen mit filmischen oder journalistischen Mitteln kaum nahe kommen kann.
 
Michael Meyns