Cosmopolis

Es ist das Gipfeltreffen zweier großer Künstler: David Cronenberg verfilmt einen Roman von Don DeLillo. Der Meister des Abgründigen und der Gewaltanalyse trifft auf den Postmodernisten und Verschwörungstheoretiker. Zu diesen beiden Schwergewichten gesellt sich ein junger Schauspieler, der bisher für die „Twilight“-Saga von Teenies bejubelt wurde: Robert Pattinson. Doch besonders seine Besetzung erweist sich als großer Coup. Der Film schickt den Zuschauer auf einen anstrengenden, aber faszinierenden und erkenntnisreichen Trip.

Webseite: www.cosmopolisthefilm.com 

Frankreich/Kanada 2012
Regie und Buch: David Cronenberg
Darsteller: Robert Pattinson, Juliette Binoche, Paul Giamatti, Sarah Gadon, Mathieu Amalric, Jay Baruchel
Länge: 108 Minuten
Verleih: Falcom Media, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 5. Juli 2012

PRESSESTIMMEN:

 

… Bilder einer Welt, die in den Abgrund stürzt, stark, schrecklich, zum Wiedersehen.
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

Ein spannendes Kinoexperiment.
CINEMA

COSMOPOLIS, entstanden nach Don DeLillos Roman, ist ein großartiger Film voller Widersprüche, voller Gesprächsstoff. Ein Film, der in unsere nahe Zukunft blickt wie ein blinder Hellseher.
ZDF

FILMKRITIK:

New York, April 2000: Eric Packer (Robert Pattinson) braucht einen Haarschnitt. Und zwar bei seinem Stammcoiffeur am anderen Ende von Manhattan. Nicht, dass in seiner perfekt gestylten Frisur auch nur die kleinste Unordnung herrschte. Aber der 28-jährige Spekulant, der mit der noch jungen New Economy reich wurde, ist gewöhnt, dass im Leben alles nach seinen Vorstellungen läuft. Die Einwände seines Chauffeurs und Sicherheitsagestellten, dass die Straßen der Stadt wegen eines Besuches des Präsidenten hoffnungslos verstopft sind, schlägt Packer in den Wind. So arbeitet er während des Staus in seiner futuristischen Luxuslimousine, beordert Angestellte und seine Geliebte Didi (Juliette Binoche) in den Wagen und trifft seine gefühlskalte Frau (Sarah Gadon). Die Schleichfahrt durch Manhattan wird zur Odyssee, bei der sich Packers Niedergang abzeichnet: Er hat sich verzockt und steht vor dem Ruin. Noch dazu plant ein Unbekannter ein Attentat auf ihn.

Bei seinem Erscheinen vor 14 Jahren stieß DeLillos Roman auf überwiegend negative Reaktionen. Viele Rezensenten empfanden die Lektüre als Strapaze; Künstlichkeit, stilisierte Sprache und allegorischer Überbau wurden kritisiert. In diesem Sinne blieb Cronenberg der Vorlage treu: Auch seine Verfilmung, die im Wettbewerb von Cannes 2012 ihre Premiere feierte, nervte einige Kritiker. Auch sie strengt an, fordert heraus, verlangt Durchhaltevermögen. Cronenberg konstruierte sein Drehbuch um die Originaldialoge des Romans, und er bestand darauf, dass die Schauspieler sie exakt wie vorgegeben sprachen. Verzweifelt versucht der Zuschauer also, bei den langen Dialogsequenzen, aus denen der Film komponiert ist, am Ball zu bleiben. Um nach einer halben Stunde doch frustriert aufzugeben. Aber erst dann setzt die eigentliche Wirkung des Films ein.

Denn auf dieser Entfremdung vom Geschehen fußt Cronenbergs Konzept für „Cosmopolis“. Er überfordert den Zuschauer und eröffnet ihm so erst den Zugang zu der merkwürdigen Welt des Eric Packer. In der dreht sich alles um Zahlen und Fakten, die aber ohne inneren Zusammenhang bleiben und keine Bedeutung mehr produzieren. Cronenberg destilliert aus dem Roman ein Kammerspiel, das sich größtenteils hinter den verdunkelten Scheiben von Packers Luxuskarosse vollzieht, abgeschnitten von der Außenwelt, durch die sie sich bewegt. Auch eine zeitliche Zuordnung ist unmöglich. Das Geschehen soll im Jahr 2000 spielen, evoziert aber eher eine apokalyptische Zukunft. Während draußen Demonstrationen und Trauerzüge sich zu einer Massenhysterie steigern, versucht Packer im Wageninneren mittels futuristischen Bordcomputern und Hightech-Waffen, die an die Ausstattung eines Raumschiffes erinnern, die Kontrolle zu behalten. Aber im Lauf der Geschichte gerät Packers Frisur doch ziemlich durcheinander, wenn das Chaos der Außenwelt auch die eiskalte Ordnung seines einsamen Lebens mit sich reißt. Cronenbergs Film steigert sich in eine fiebrige Intensität, die sinnliche Übersteigerung an die Stelle intellektuellen Verstehens setzt. Er mündet in ein grandioses Finale, eine 20-minütige Redeschlacht zwischen dem gereiften und sinister spielenden Pattinson und einem fantastisch abgründigen Paul Giamatti.

Es wäre zu kurz gegriffen, „Cosmopolis“ lediglich als zynischen Kommentar zu Finanzkrise und ungezügeltem Kapitalismus zu lesen. Natürlich bietet der Film mit seinen artifiziellen Bildern und seiner künstlerischen Verdichtung eine eigenwillige und bemerkenswerte Interpretation der inneren Mechanismen der Finanzwelt. Vor allem aber funktioniert er als Variante eines Themas, das seine rote Spur schon seit seinen frühen Body-Horror-Filmen durch Cronenbergs Werk zieht: Gewalt. Die ist in seinen jüngeren Filmen explizit nur noch selten zu sehen – in „Cosmopolis“ etwa in einem eingespielten TV-Bericht über ein Attentat, das Packer auf seinem Monitor verfolgt. Sie hat sich gewissermaßen unsichtbar gemacht, wirkt deshalb aber nicht weniger zerstörerisch. So wie Gewalt in Cronenbergs letztem Film, „Eine dunkle Begierde“, vom körperlichen Außen in das Innen der Seele wandert und sich hier verpuppt, nur um im Ersten Weltkrieg umso monströser auszubrechen, so steckt sie in „Cosmopolis“ in den Strukturen einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft, die völlig von einer Dingwelt bestimmt wird, in der die Seele keinen Platz mehr findet. Die Gier, mit der die neue Oberschicht sich Befriedigung zu verschaffen und ihre innere Leere zu überspielen versucht, überrollt in ihrer Gleichgültigkeit zunächst die Untergebenen, bis sie sich in einer Art Selbsthass gegen sie selbst richtet. In Cronenbergs früheren Filmen zerstörte Gewalt menschliche Körper, nun zerstört sie die Seele.

Oliver Kaever

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