Creed – Rocky’s Legacy

Sechs Mal ist Sylvester Stallone im Lauf der Jahre in die Rolle geschlüpft, die ihn berühmt machte, nun spielt er erneut Rocky Balboa, den Boxer, der von ganz unten kam und ganz oben landete. In "Creed" steigt er aber nicht mehr selbst in den Ring, sondern ist Protegé des Sohnes seines alten Freundes Apollo Creed – mit dem Ergebnis des besten Rocky-Films seit den 80er Jahren.

Webseite: http://film.info/creed

USA 2015
Regie: Ryan Coogler
Buch: Aaron Covington & Ryan Coogler
Darsteller: Michael B. Jordan, Sylvester Stallone, Tessa Thompson, Tony Bellew, Ritchie Coster
Länge: 134 Minuten
Verleih: Warner
Kinostart: 14. Janaur 2016
 

FILMKRITIK:

Fast zehn Jahre ist es her, dass Sylvester Stallone mit "Rocky Balboa" versuchte, seine berühmteste Figur wiederzubeleben. Damals ließ er den alternden Halden noch einmal in den Ring steigen, obwohl er zu diesem Zeitpunkt schon 60 Jahre alt war und nicht mehr wirklich überzeugend als Weltklasseboxer durchging. Diesen Fehler macht "Creed" nicht, im Gegenteil: Die von Ryan Coogler geschrieben und inszenierte Fortsetzung macht fast alles richtig und zeigt selbst einem Mega-Blockbuster wie der "Star Wars"-Neuauflage, wie man einen seit Jahrzehnten beliebten und oft verklärten Stoff erfolgreich modernisieren kann, ohne allzu sehr in nostalgische Gefilde abzudriften.

Radikaler Dreh ist die Verschiebung des Schwerpunkts: Nicht mehr Rocky steht im Mittelpunkt, sondern Adonis Johnson (Michael B. Jordan), der uneheliche Sohn von Rockys einstigem Gegner und späterem Freund Apollo Creed, gegen den er in den ersten beiden Teilen der Boxsaga kämpfte und der in Teil vier im Ring starb. Dieser Adonis wuchs in Pflegefamilien auf und wäre wohl in die Kriminalität abgedriftet, wenn nicht Apollos Witwe ihn aufgenommen und großgezogen hätte. Doch das Leben im Luxus passt Adonis nicht, er will nur eins: Boxen. Von LA zieht er nach Philadelphia und sucht die Nähe zu Rocky, der sich überreden lässt, Adonis zu trainieren. Wichtigste Lektion: Man selbst ist der stärkste Gegner, nicht nur im Ring, sondern auch im Leben.

Was Coogler hier erzählt ist an sich nicht besonders bemerkenswert. Im Kern ist "Creed" nichts anderes als die Variation dessen, wovon die Rocky-Filme schon immer erzählten: Vom Überwinden aller Schwierigkeiten, vom Aufstieg aus ärmlichen Verhältnissen zum Ruhm im Ring, wobei aber nie vergessen wird, wo man herkommt. Wie kaum eine andere Filmreihe beschwor Rocky die amerikanische Arbeiterklasse, den kleinen Mann, das einfache Leben. Hier, unter der Regie eines afroamerikanischen Regisseurs, der zusammen mit seinem Hauptdarsteller Michael B. Jordan vor einigen Jahren mit dem Rassismusdrama "Fruitvale Station" berühmt wurde, verschiebt sich der Blick von der weißen auf die schwarze Lebenswirklichkeit.

Dass Adonis Creed nicht wirklich aus der Armut zum Ruhm aufsteigt, sondern das Leben in den beengten Verhältnissen Philadelphias selbst wählt, dass er nicht einen kompletten Charakterwandel durchlebt, macht "Creed" so zurückhaltend und überzeugend. Denn im Gegensatz zu so vielen Fortsetzung, Reboots oder wie auch immer man das wieder aufwärmen bekannter Geschichten und Figuren nennen will, folgt Coogler nicht der Prämisse, größer, lauter, extremer zu erzählen, sondern bleibt angenehm bescheiden. Und verzichtet auch darauf, sich zu sehr bei den bekannten Motiven, Schauplätzen und nicht zuletzt der legendären Musik der Rocky-Filme zu bedienen. Nur einmal ertönt die berühmte Fanfare und selbst die eigentlich unvermeidliche Szene, in der Rocky die Treppen vor dem Kunstmuseum Philadelphias hinaufstürmt und heroisch die Faust in den Himmel reckt wird nur gebrochen zitiert.

So gelingt es Coogler diesen siebten Rocky-Film, der nicht umsonst zum ersten Mal nicht nach seinem Helden benannt ist, gleichermaßen zu einem zeitgemäßen Film zu machen, der seiner Tradition nicht auf nostalgische Weise huldigt, sondern sie auf überzeugende Weise modernisiert.
 
Michael Meyns