Critical Zone

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Der Dealer Amir, der Protagonist von Critical Zone, verbringt den größten Teil des Films im Auto. Er cruist durch Teheran, um Drogen zu holen, abzuliefern, zu verteilen … seine Welt spielt sich vor seiner Frontscheibe und auf dem Beifahrersitz ab. Amir sitzt da nicht von ungefähr: Das Auto ist eins der ganz großen Freiheitssymbole des Kinos. Ein Auto ist aber auch ein Stück Zuhause für seinen Besitzer, ein Schneckenhaus, die Privatsphäre, die ihn überallhin begleitet. Diese beiden Aspekte sind von zentraler Bedeutung in Ali Ahmadzadehs kompromisslosem, radikalen Arthouse-Drama, das im heutigen Iran spielt – in einem Land

Webseite: https://www.wfilm.de/de/critical-zone

Iran, Deutschland, 2023
Drehbuch und Regie: Ali Ahmadzadeh
Darsteller: Amir Pousti, Shirin Abedinirad, Maryam Sadeghiyan, Alireza Keymanesh, Saghar Saharkhiz, Mina Hasanlou
Kamera: Abbas Rahiumi
Musik: Daphna Keenan

Länge: 99 Minuten
Verleih: W-film
Start: 6. Juni 2024

FILMKRITIK:

Die (weibliche) Stimme seines Navis lotst den Dealer Amir, der allein mit seinem Hund „Mr. Fred“ in einer schäbigen Wohnung lebt, durch Teheran. Sie weist ihm nicht nur den Weg zu seinen Kunden – zerstörten Seelen, die er „wie ein moderner Prophet“ mit seinen Drogen zu heilen versucht – sie warnt ihn auch vor Gefahren, die ihm drohen könnten. Und schließlich setzen sich tatsächlich Verfolger auf seine Spur, denn einige der verlorenen Seelen, denen Amir auf seiner Reise begegnet, gehören zum Widerstand …

In „Critical Zone“ findet sich das Publikum zunächst in einer vollkommen irrealen Parallelwelt wieder, quasi in einem Unterleib Teherans, der unabhängig vom Oberkörper der Stadt zu existieren scheint. Doch je tiefer man in diese Welt einsteigt – was der Film tatsächlich leicht macht – desto realer wird diese Welt. Und man begreift, dass diese beiden Welten nicht unabhängig voneinander existieren können, dass das repressive Regime, von dem der Iran derzeit regiert wird, genau diese drogenorientierte Gegenwelt hervorbringen musste, in der Dealer mit ihren Autos cruisen.

Was für ein mutiges Werk „Critical Zone“ wirklich ist, versteht man erst, wenn man weiß, dass beinahe der komplette Film mit versteckten Kameras gedreht worden ist. Die iranischen Zensurbehörden hätten niemals zugelassen, dass eine Geschichte, die von Sex, Drogen und vom Widerstand gegen das derzeitige Regime handelt, verfilmt wird. Deshalb musste die Uraufführung von „Critival Zone“ auch im Ausland stattfinden, und Ali Ahmadzadeh darf sein Land nicht verlassen. Gegen ihn besteht ein Ausreiseverbot.

Aus der Not – den „heimlichen“ Dreharbeiten – hat Ali Ahmadzadeh eine Tugend gemacht und eine ganz eigene Bildsprache gefunden. Die versteckten Kameras mit ihren gelegentlich sehr speziellen Aufnahmewinkeln verleihen dem Film eine Authentizität, die den Zuschauer gefangen nimmt. Dazu trägt auch das unprätentiöse, scheinbar beiläufige Spiel der Darsteller bei. Amir Pousti als Amir pflügt mit größtmöglicher Gelassenheit durch den Film, lässt alle Schrecken und Ängste scheinbar an sich abperlen, und doch spürt man die Verletzlichkeit, die er seinen Widersachern nicht zeigen kann oder besser gesagt: zeigen will.

„Critical Zone“ beschränkt sich nicht auf einen realistischen Blick auf das ungeschönte Leben im heutigen Iran. Immer wieder unterbricht Ali Ahmadzadeh sein Narrativ durch surreale Sequenzen, die die Träume und Utopien der handelnden Figuren bebildern.

So düster und hoffnungslos die Welt, die „Critical Zone“ schildert, zunächst erscheinen mag: Der Film setzt ein optimistisches Signal. Die Rebellion wird sich auf Dauer nicht unterdrücken lassen, eine Veränderung erscheint unausweichlich – das ist die Botschaft, die die dieser außergewöhnliche Film vermitteln will.

 

Gaby Sikorski