Dark Blood

„Dark Blood“ von 1993 ist der letzte Film mit Teenie-Idol River Phoenix, der im gleichen Jahr starb. Fast 25 Jahre später kommt der Film, der einen triumphal aufspielenden Phoenix zeigt, nun doch noch in die Kinos – das filmische Vermächtnis eines Jahrhunderttalents. „Dark Blood“ lohnt dabei vor allem aufgrund seines experimentellen Ansatzes. Dieser kommt nur deshalb zustande, da – aufgrund von Phoenix‘ Tod – einige Szenen nicht mehr gedreht werden konnten. Die so entstandenen Lücken im Plot füllt Regisseur Sluizer auf ebenso unkonventionelle wie artifizielle Art.

Webseite: www.missingfilms.de

USA, Großbritannien, Niederlande 1993
Regie: George Sluizer
Darsteller: River Phoenix, Judy Davis, Jonathan Pryce, Karen Black
Länge: 86 Minuten
Verleih: missingFilms
Kinostart: 13. Juli 2017

FILMKRITIK:

Der eigenwillige Boy (River Phoenix) lebt ein zurückgezogenes Leben in der Wüste von Arizona. In der Nähe seiner Unterkunft wurden früher Atombombentests durchgeführt, was bei seiner Frau Krebs verursachte. Seit ihrem Tod, ist der Viertelindianer von Geisterwesen, indianischer Spiritualität und mysteriösen Puppen besessen. Eines Tages strandet das High-Society-Paar Harry (Jonathan Pryce) und Buffy (Judy Davis) wegen einer Autopanne ganz bei ihm in der Nähe. Die Zwei wollten eigentlich ihre Flitterwoche in der Natur Arizonas verbringen. Zunächst erweist sich Boy, der sich schnell zur attraktiven Buffy hingezogen fühlt, als hilfsbereit und nimmt das Ehepaar bei sich auf. Doch als sich die Abreise der beiden Gestrandeten immer wieder verzögert und die Reparatur des Autos nicht vorangeht, wird Harry misstrauisch.

„Dark Blood“ ist der letzte Film des damaligen Teenie-Idols und Schauspiel-Wunderkinds River Phoenix. Der Film stammt von 1993. Die Dreharbeiten mussten aber kurz vor ihrem Ende abgebrochen werden, da Phoenix im Oktober desselben Jahres an einer Überdosis verstarb. Erst 2012 konnte Regisseur George Sluizer („Spurlos“) aufgrund rechtlicher Schwierigkeiten, die Arbeit an dem Film wieder aufnehmen. Um ihn zu beenden, sammelte Sluizer über eine Crowdfunding-Seite die nötigen finanziellen Mittel.  Er selbst starb 2014, ein Jahr nachdem sein vollendeter Film auf der 63. Berlinale gezeigt wurde.

„Dark Blood“ ist eine Art Mischung aus Outback-Western und Psychothriller, angesiedelt an einem menschenleeren, unwirklichen Ort. Wissen muss man, dass – als River Phoenix starb – zwar 80 Prozent des Films im Kasten waren. Aber nahezu sämtliche Innenaufnahmen hätten noch in einem Filmstudio gedreht werden müssen. Die Folge ist, dass fast nur Sequenzen zu sehen sind, die im Freien spielen. Die so entstandenen Löcher in der Handlung, füllt Regisseur Sluizer auf eine wirkungsvolle, experimentelle Art: mittels Voice-Over, fügt der Niederländer die fehlenden Momente erzählerisch hinzu. Er erklärt ausführlich, was in den fehlenden Szenen passiert, während der Zuschauer meist nur Standbilder oder Fotos von den Dreharbeiten sieht.

Dies war beim Dreh des Films so natürlich nicht vorgesehen. Aus der Not macht Sluizer aber eine Tugend, da er mit seiner Herangehensweise dafür sorgt, dass „Dark Blood“ nun vor allem eine selbstreflexive Note verpasst bekommt. Eine Art Film im Film. Oder anders formuliert: ein dokumentarisch anmutendes Element als Teil des fertigen Films, das über dessen Entstehung berichtet. Wenn Sluizer die Szenen aus dem Off liest, wirkt das ein wenig, als säße man als Student der Filmwissenschaften in einem Hörsaal. Und vorne referiert der Professor über das Wesen des Filmemachens und darüber, worauf es beim Entwickeln einer Sequenz, ankommt. Ein höchst anregender, spannender Ansatz, durch den der Zuschauer den Film auf eine ganz spezielle, sinnliche Art und Weise erlebt.

Die fertigen Szenen abseits des Voice-Overs, sind nicht zuletzt wegen der Spannungsschraube, die immer fester gezogen wird, sehenswert. Zum ganz großen Wurf fehlen dem minimalistischen Film aber ein Stück weit Stringenz und Dringlichkeit. Ab und an schleichen sich auch (episodenhafte) Längen ein. Positiv ragt in erster Linie ein Aspekt heraus: das kraftvolle, emotionale Spiel von Phoenix, der beweist, wieso er damals zu den Größten der aufstrebenden Schauspielstars Hollywoods zählte.

Nachdrücklich vermittelt Phoenix die Entwicklung von Boy, vom anfänglich liebenswerten, sympathischen jungen Mann zum wahnhaften, von seiner Liebe zu Buffy getriebenen Psychopathen. Die Momente zwischen ihm und Buffy sind, gerade in der ersten Hälfte, von unterschwelliger Erotik und knisternder Augenblicke geprägt. Das Ende des Films geht an die Nieren. Weil es in erster Linie als unheilvolles Vorzeichen tatsächlicher, künftiger Ereignisse gelesen werden kann.

Björn Schneider