Dark Eden

Was passiert, wenn eine Dokumentarfilmerin die Distanz zum Objekt ihrer filmischen Reportage verliert und selbst Teil der Geschichte wird, zeigt „Dark Eden“, ein Film von Jasmin Herold und Michael Beamish, der ursprünglich ein Film über Ölsand und Umweltzerstörung in Kanada werden sollte, dann aber zu viel mehr wurde.

Webseite: darkeden.wfilm.de

Dokumentation
Deutschland 2018
Regie & Buch: Jasmin Herold & Michael Beamish
Länge: 80 Minuten
Verleih: wfilm
Kinostart: 11. April 2019

FILMKRITIK:

In der kanadischen Provinz Alberta liegt das Städtchen Fort McMurray, das in den 50er Jahren gerade einmal 2000 Einwohner hatte, inzwischen aber an die 100.000 Bewohner zählt. Grund dafür sind die Athabasca Ölsande, die ein Gebiet von 142.000 Quadratkilometer umfassen, was ungefähr der Größe von England entspricht. Ölsand ist kurz gesagt Sand, in dem Öl zu finden ist, was sich auf den ersten Blick verführerisch anhört, auf den zweiten Blick allerdings Grund für eine enorme Umweltkatastrophe ist. Denn um das Öl aus dem Sand zu lösen sind enorme Mengen von Chemikalien notwendig, die größtenteils giftig sind.
 
Doch der Durst der Welt nach Öl hat Fort McMurray reich gemacht und Menschen aus aller Herren Länder in die unwirtliche kanadische Ödnis gezogen, die weite Teile des Jahres von Schnee bedeckt ist. Diese Menschen zu porträtieren war wohl der Grund, weswegen die junge deutsche Dokumentarfilmerin Jasmin Herold vor einigen Jahren nach Fort McMurray kam. Ganz genau erklärt Herold in ihrem Voice Over-Kommentar ihre Beweggründe nicht, vielleicht weiß sie nach all den Jahren auch selbst nicht mehr so genau, was sie eigentlich hierhin gezogen hat, zumal sich inzwischen so viel verändert hat.
 
Lange bevor es konkret wird beginnt man zu ahnen, warum Herold von einer distanzierten Beobachterin zur unmittelbar Betroffenen ihrer eigenen Dokumentation geworden ist, lange bevor sie auf die katastrophalen Folgen des Abbaus des Ölsands hinweist, ahnt man, dass die Lage nicht so rosig ist, wie sie vor allem ein Protagonist des Films schildert: Robbie, der gerne mit „Ich liebe Ölsand“-T-Shirts herumläuft und so gar keinen Zweifel an der Herrlichkeit dieser Industrie aufkommen lassen will. Und ja, auf den ersten Blick hat sie auch Wohlstand gebracht, ermöglicht es Menschen wie Barnabas aus Uganda viel Geld nach Hause zu schicken oder dem deutsch-russischen Paar Markus und Olga sich regelmäßig neue Häuser zu kaufen, denn die Preise steigen immer weiter. – Zumindest so lange wie der Boom anhält, doch wie inzwischen eigentlich jeder weiß bzw. wissen sollte hält kein Boom ewig an.
 
Zumal Ölsand abbauen deutlich teurer ist als Öl aus Bohrlöchern zu fördern, was bedeutet: Wenn der Ölpreis sinkt, lohnt sich das kostspielige Verfahren nur noch bedingt. Die Folge eines solchen Sinkens des Ölpreises bekamen auch Jasmin Herold und ihr Freund Michael Beamish zu spüren, der am lokalen Stadttheater arbeitete und der Grund für Herold war, viel länger vor Ort zu bleiben, als ursprünglich geplant.
 
Doch es wurde noch dramatischer: Wie immer mehr Menschen in Fort McMurray erkrankte Beamish an Krebs, ganz offensichtlich eine Folge der bei der Ölförderung verwendeten Chemikalien, doch nicht nur Robbie will das nicht wahrhaben. Auch Herold selbst betont in ihrem entwaffnend ehrlichen Kommentar, dass auch sie und Beamish die Zeichen lange ignorierten, sich vom Sog der Erfolgsgeschichte der Stadt haben mitreißen lassen. Erst als im Mai 2016 ein verheerendes Feuer weite Teile der Stadt in Schutt und Asche verwandelten war es genug.
 
Nicht jedoch für die Ölindustrie, die auch dank neuer Handelsverträge zwischen Kanada und Europa so weitermacht wie zuvor, denn der Durst nach Öl lässt nur langsam nach. Welche Folgen das haben kann, hat Jasmin Herold in einem Maße erfahren, dass ihr sicherlich nicht klar war, als sie einst nach Fort McMurray kam, aber diese persönlichen Erfahrungen sind es am Ende, die „Dark Eden“ zu so einem ungewöhnlichen, emotionalen Dokumentarfilm machen.
 
Michael Meyns