Darkroom – Tödliche Tropfen

Basierend auf einer realen Mordserie, die 2012 die Berliner Schwulenszene erschütterte, inszeniert Rosa von Praunheim seinen neuen Film „Darkroom – Tödliche Tropfen“, der einmal mehr zeigt, das der schwule Kultregisseur in ganz eigenen Sphären arbeitet. Das Ergebnis ist dementsprechend eklektisch, mal Doku-Drama, mal schwuler Camp, nicht immer überzeugend, aber immer ganz eigen.

Webseite: www.missingfilms.de

Deutschland 2019
Regie: Rosa von Praunheim
Buch: Rosa von Praunheim, Nico Woche, Ute Eisenhardt
Darsteller: Bozidar Kocevski, Heiner Bomhard, Katy Karrenbauer, Christiane Ziehl, Oliver Sechting, Janina Elkin, Lukas Rennebach, Thomas Linz,
Länge: 89 Minuten
Verleih: missingFILMs
Kinostart: 30. Januar 2020

FILMKRITIK:

Drei Männer tötete der ehemalige Krankenpfleger Dirk P. im Sommer 2012. Seine Opfer fand er in Saunas und Darkrooms, verabreichte ihnen eine tödliche Dosis K.O.-Tropfen und raubte sie aus. Schnell wurde er gefasst und zu lebenslanger Haft verurteilt, bald danach nahm sich der Täter selbst das Leben.
 
Streng hält sich Rosa von Praunheim in seinem Film an die Tatsachen des Falls, die auf Grund ihrer Umstände in den Berliner Medien ausführlich behandelt wurden. In langen Rückblenden lässt er seine Hauptfigur, die hier Lars (Bozidar Kocevski) heißt, aus der Haft auf sein Leben zurückblicken, das im beschaulichen Saarbrücken begann.
 
Dort wächst der junge Lars bei seiner Großmutter auf, die ihn sexuell missbraucht, lernt in einem Club Roland (Heiner Bomhard) kennen, mit dem er eine scheinbar harmonische Beziehung führt. Bald zieht das Paar nach Berlin und genießt die Freiheit der Hauptstadt. Bei einem Date bekommt Lars zum ersten Mal die Party-Droge Liquid Ecstasy auf die Zunge geträufelt und ist begeistert von der betäubenden, berauschenden Wirkung.
 
Doch sein Wunsch, Macht über seine Sexpartner auszuüben, artet bald in Extreme aus, die erste Opfer fordern. Lange ahnt Roland nichts von der dunklen Seite Lars, bis er fast selbst Opfer der Mordlust wird.
 
Lose basiert von Praunheims Film auf den Gerichtsprotokollen der Verhandlung, die im Stile einer nachmittäglichen Gerichtsshow im Privatfernsehen inszeniert sind, will sagen: Betont überzeichnet und unglaubwürdig. Zum laienhaften Charakter tragen die Schauspieler bei, die größtenteils zum ersten Mal vor der Kamera stehen und dementsprechend unbeholfen agieren. Doch gerade das Hölzerne ihres Spiels macht auch den Charme aus.
 
Unterstützt durch von Praunheims pragmatischen filmischen Stil, der meist kaum mehr beinhaltet, als das Geschehen abzufilmen, ohne es stilistisch zu formen oder gar zu überhöhen, sieht „Darkroom – Tödliche Tropfen“ oft aus wie ein Amateurfilm, bei dem sich die Beteiligten selbst gefilmt haben. Das Ergebnis mutet zwar bisweilen laienhaft an, wirkt aber oft auch ausgesprochen authentisch: Wohl selten wurde schwules Leben in einem deutschen Film so unmittelbar abgebildet, vom Flirten an der Bar, bis zum Sex in den Darkrooms, der in einer schnörkellosen, unmittelbaren Weise gezeigt wird, die weder verklemmt noch voyeuristisch anmutet.
 
Und auch wenn von Praunheim manche Szenen bewusst überzeichnet darstellt, in überdrehte Camp-Gefilde abdriftet: Im Kern ist „Darkroom – Tödliche Tropfen“ eine genaue, fast dokumentarische Darstellung eines tragischen Schicksals. Ohne zu moralisieren, aber auch ohne zu verharmlosen und gar zu entschuldigen, wird das Leben eines Mannes geschildert, der selbst missbraucht wurde und später zum Mörder wurde. Ob das eine die Ursache des anderen war, diese Frage stellt von Praunheim in den Raum, lässt sie aber unbeantwortet, sein Film zeigt nur, ohne zu werten, dies bleibt dem Zuschauer überlassen.
 
Michael Meyns