Das andere Rom – Sacro GRA

In philosophischer Gelassenheit erzählt Gianfranco Rosi seine Nicht-Geschichte, ein faszinierendes Puzzlespiel über Menschen, die eines gemeinsam haben: Sie wohnen an der Schnellstraße, die als Ringautobahn Rom umschließt. Rosis kunstvoll montierte Bilder schaffen eine eigenartige Atmosphäre, die sowohl realistisch als auch märchenhaft ist. Und der cineastische Einsatz wurde belohnt: Beim Filmfestival in Venedig 2013 erhielt „Sacro GRA“ den Goldenen Löwen als bester Film.

Webseite: www.kairosfilm.de

Italien 2013 – Dokumentation
Regie, Kamera, Ton: Gianfranco Rosi
Buch: Gianfranco Rosi, Nicolò Bassetti
93 Minuten
Verleih: KAIROS Film Göttingen
Kinostart: 26. März 2015
 

Preise/Auszeichnungen:

Goldener Löwe „Bester Film“ Internationale Filmfestspiele Venedig 2013

FILMKRITIK:

Wer Rom kennt, kennt auch den GRA – il Grande Raccordo Anulare, die Stadtautobahn, die in einem Ring um die Ewige Stadt herumführt. Tag und Nacht tost der Verkehr, doch nicht nur auf der Straße selbst ist immer etwas los, sondern auch an ihrem Rand. Dort grasen nicht nur, wie vermutlich seit Jahrtausenden, die Schafe, sondern es gibt jede Menge originelle Menschen, die sich, freiwillig oder auch nicht, neben der Autobahn niedergelassen haben. Sie wohnen hier, gehen ihren Jobs nach, sie feiern Partys oder Gottesdienste. Über diese Parallelwelt, das unentdeckte Italien abseits der Sehenswürdigkeiten, hat Gianfranco Rosi seinen Film gedreht. Im Mittelpunkt stehen dabei scheinbar beiläufige Kurzporträts von GRA-Anwohnern, die kunstvoll miteinander und mit den Bildern der ewig brausenden Straße verknüpft werden.
 
Einer von ihnen ist Rettungssanitäter. Er arbeitet in einem Ambulanzwagen, wo er mit immer neuen Opfern von Verkehrsunfällen zu tun hat. Mit den meisten kann er sich unterhalten – seine kleinen Witzchen beruhigen die Verletzten, die mit Sirenengeheul über den GRA ins Krankenhaus rasen. Rosi zeigt ihn so wie die anderen: als Helden des Augenblicks, von dem man nichts erfährt als das, was gerade zu sehen und zu hören ist. Auch der Mann, der in den Palmen am GRA nach Käfern und ihren Larven sucht, die früher oder später den gesamten Baumbestand vernichten werden, erzählt keine eigene Geschichte, ebenso der vermutlich Adlige mit dem ellenlangen Stammbaum, der seinen Palazzo für Dreharbeiten vermietet. Der Glanz vergangener Jahrhunderte weht durch die Räume, die bis hin zur pompösen bronzenen Badewanne im Schlafzimmer an vergangene, bessere Zeiten erinnern.

Gianfranco Rosi zeigt aber vor allem die kleinen Leute: den alten Vater und die erwachsene Tochter im Hochhaus, den redseligen Fischer und seine stumme Frau, die beiden alten Huren, die ständig auf der Hut vor der Polizei sind … sie alle sind Ritter des heiligen GRA – ein hübsches Wortspiel: Sacro GRA. Es bringt die Verbindung zwischen der ewigen Suche und den ewig Suchenden aufs Feinste zur Geltung. Rosis Protagonisten sind so originell wie interessant. Zwischen Tag und Nacht, zwischen den Jahreszeiten, zwischen Sonne und Schnee sind sie diejenigen, die bleiben, während sich alles andere verändert. Ihr Alltag und ihre augenblicklichen Sorgen und Freuden sind die Realität. Die Straße hingegen wird immer unwichtiger. Sie ist allgegenwärtig und sorgt lediglich für den Hintergrund, vor dem sich das wahre Leben abspielt, besonders zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, denn in der Nacht wird es am GRA geheimnisvoll.
 
Auch wenn Gianfranco Rosi mit diesem Film vor allem ein cineastisch interessiertes Publikum ansprechen wird: Er zeichnet in meist weichen, manchmal düsteren, manchmal grellen Farben das Bild einer ungewöhnlichen Welt, in der das Lächerliche neben dem Erhabenen steht. Durch die Beiläufigkeit der Erzählweise entsteht eine feinsinnige, unterhaltsame Form der Spannung, die angenehm unterhaltsam ist. Ein bisschen wie die berühmten Schiffe, die sich nachts begegnen, blitzen hier die Menschenschicksale auf, berühren den Zuschauer kurz und lassen ihn wieder los. Leider, denn man möchte eigentlich immer noch mehr erfahren …
 
Gaby Sikorski