Das doppelte Lottchen

Zigfach verfilmt wurde Erich Kästners „Das doppelte Lottchen“ seit Erscheinen des Romans 1947 – kein Wunder, ist die Geschichte der Zwillinge, die getrennt aufwachsen und am Ende mit List und Witz ihre Eltern zusammenführen, doch von zeitloser Qualität. Lancelot von Nasos fürs Fernsehen entstandene Neuverfilmung modernisiert die Geschichte zwar reichlich, doch der Kern ist und bleibt Kästner.
 
ACHTUNG: Der Film lief bereits Ostern 2017 und am 1.1.2018 in der ARD!

Webseite: dasdoppeltelottchen.der-filmverleih.de

Deutschland 2017
Regie: Lancelot von Naso
Buch: Niko Ballestrem, nach dem Roman von Erich Kästner
Darsteller: Delphine Lohmann,Mia Lohmann, Florian Stetter, Alwara Höfels, Oliver Wnuk, Mina Tander
Länge: 93 Minuten
Verleih: der Filmverleih
Kinostart: 5. Juli 2018

FILMKRITIK:

Schon letztes Jahr zu Ostern lief dieses „Doppelte Lottchen“ im Fernsehen, nun kommt die Neuverfilmung von Kästners Klassiker doch noch ins Kino, nicht ganz zu unrecht. Zwar ist Lancelot von Nasos Inszenierung zumindest visuell meist überdeutlich die Herkunft vom Fernsehen anzumerken, der Versuch, mittels grellster Farben und kaum einmal zur Ruhe kommender Kamera ständige Dynamik zu suggerieren bestimmt die Bildsprache, doch gerade zum Ende entwickelt sein Film einige Qualitäten.
 
Die Grundgeschichte wurde dabei modernisiert, nicht unbedingt behutsam, aber im Kern ist die Story unverwüstlich: Luise (Mia Lohmann), der wildere der Zwillinge, ist hier auf Weltreise aufgewachsen, zusammen mit ihrem Vater Jan (Florian Stetter), einem sensiblen Gitarrenspieler, der seine Tochter mit dem altertümlichen VW-Bus durch die Welt kutschiert hat, dabei erfolgreiche Songs geschrieben hat und nun eine feste Stelle am Mozarteum in Salzburg angenommen hat.
 
Doch vorher verbringt Luise den Sommer in einem Ferienlager am Wolfgangsee, wo ihr Lotte (Delphine Lohmann) über den Weg läuft, die mit ihrer Mutter Charlize (Alware Höfels), einer Journalistin, in Frankfurt aufwächst. Lotte ist der ruhige der Zwillinge, spielt Klavier und kocht gern. Schnell merken die lang getrennten, dass sie Zwillinge sind und fassen einen Plan: Nach dem Sommer tauschen sie die Rollen, um endlich einmal ein Leben mit Vater bzw. Mutter kennenzulernen und vielleicht sogar die Familie wieder zusammenzubringen.
 
Ein bisschen weltfremd mag das Ganze im 21. Jahrhundert zwar wirken, die Vorstellung, dass Eltern ihre Kindern nicht erkennen, nicht merken, wie sehr sich das Wesen von Lotte bzw. Luise verändert hat. Vielleicht aber auch ganz zeitgemäß, sind die Eltern hier doch vor allem mit sich selbst beschäftigt, typische Vertreter der Moderne, die sich aus nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen kurz nach der Geburt der gemeinsamen Kinder getrennt haben, eigene Wege gegangen sind und doch immer wieder an die Familie zurückdenken, die sie einst hatten.
 
Anfangs stürzt sich Lancelot von Naso noch mit Verve in die bonbonbunten Möglichkeiten einer Verwechslungskomödie, spart nicht mit Klamauk und eher fernsehtypischem Humor. Mag man sich hier noch fragen, warum diese Neuverfilmung ein Jahr nach ihrer TV-Premiere doch noch einen Kinostart erlebt, entwickelt „Das doppelte Lottchen“ in der zweiten Hälfte doch noch einige Qualitäten.
 
Je mehr sich die Geschichte auf die Frage konzentriert, warum sich die Eltern einst trennten und die Zwillinge auseinanderrissen, desto ernsthafter wird die Stimmung, desto mehr realistische Bodenhaftung setzt ein. Einen geradezu nachdenklichen Ton schlägt von Naso nun an, erzählt von modernen Patchworkfamilien, dem ständigen Konflikt zwischen beruflicher Selbstverwirklichung und konventionellen Familienstrukturen, dem Wunsch der Kinder, zwei Elternteile zu haben und gleich noch eine Schwester obendrauf. Behutsam modernisiert wirkt hier die märchenhafte Note der Vorlage, auf überzeugende Weise auf die Befindlichkeit der Gegenwart angepasst.
 
Michael Meyns