Das Ende ist mein Anfang

Gesprächsprotokolle sind naturgemäß ein bildarmer, also höchst unfilmischer Stoff. Spannendes Kino kann auf dieser Grundlage trotzdem entstehen, wie Romuald Karmarkar 1995 mit „Der Totmacher“, dem Porträt eines Massenmörders, zeigte. Jo Baier versucht sich nun in „Das Ende ist mein Anfang“ auf ähnlicher Grundlage an einem Porträt des Journalisten Tiziano Terzani. Das gerät ihm allzu brav, doch es gibt auch Versöhnliches. Wer die buddhistische Haltung Terzanis auch gegenüber dem eigenen Tod als anregend empfindet, wird das Kino sanft getröstet verlassen.

Webseite: www.universumfilm.de

Deutschland 2010
Regie: Jo Baier
Buch: Folco Terzani, Ulrich Limmer
Kamera: Judith Kaufmann,
Darsteller: Bruno Ganz, Elio Germano, Erika Pluhar, Andrea Osvárt
Länge: 98 Minuten
Verleih: Universum Film
Kinostart: 7. Oktober 2010

 

PRESSESTIMMEN:

Ein sterbender Vater (Bruno Ganz) ruft seinen Sohn zu sich in die italienische Einsamkeit, um mit ihm ein letztes Mal über das Leben und den Tod zu sprechen, über seine Arbeit als Asienkorrespondent des ‘Spiegel’ und über seinen langen spirituellen Weg zu sich selbst. Das ist wirklich ein kleines Wunderwerk, denn ‘Das Ende ist mein Anfang’ ist zwar traurig, aber nicht rührselig, und bewegend, aber nicht kitschig. Und hat mich in friedlicher Heiterkeit entlassen.
BRIGITTE

Vater und Sohn unterhalten sich vor italienischer Bergkulisse über Leben und Sterben. Eine ruhige, dem Buch angemessene Verfilmung der Bestseller-Erinnerungen des Journalisten Tiziano Terzani.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Das überaus erfolgreiche Buch, das Terzani-Sohn Folco nach dem Krebs-Tod des populären früheren Spiegel-Korrespondenten herausgab, eröffnete zwei Möglichkeiten für eine Verfilmung: entweder eine Großproduktion an Originalschauplätzen in Südostasien oder ein Kammerspiel ähnlich der Vorlage, die die Gespräche zwischen Vater und Sohn zusammenfassen. Ersteres wäre teuer geworden, Letzteres entspricht den Möglichkeiten, die Fernsehsender haben, die den Film schließlich finanzierten. So konzentriert sich das Drehbuch auf die letzten Wochen Terzanis im Kreis der Familie und die Lebensbilanz, die er währenddessen zieht.

Man bekommt es also mit einem Film voller Monologe, weniger Dialoge und keinem richtigen Konflikt zu tun, der damit steht und fällt, ob die Hauptfigur so viel inneres Drama entfalten kann, dass der Zuschauer in ihren Bann gerät. Mit dieser Aufgabe wurde Bruno Ganz betraut, der, bald 70, nun auch langsam im Herbst des Lebens ankommt. Mit Zottelbart und in asiatische Gewänder gekleidet spielt Ganz Terzani als knorrigen Alten, der mit sich im Reinen ist und die Gründe hierfür seinem Sohn vermitteln will. So sitzt er im Garten oder in einer indisch hergerichteten Klause – gedreht wurde im Haus der Terzanis in der Toskana -, und redet und redet. Der Journalist hat eine aufregende Vita vorzuweisen als Korrespondent während des Vietnam-Kriegs, in Pol Pots Kambodscha und als einer der ersten westlichen Berichterstatter in China, doch in der Nacherzählung bleibt das blass. Resümierende Erkenntnisse der Sorte „Krieg schafft nur noch mehr Elend“ sind doch recht überraschungsfrei. So plätschert der Erzählstrom milde dahin. Von außen kommt wenig, um etwas Wind ins Geschehen zu bringen. Es gibt einen unterschwelligen Vater-Sohn-Konflikt, der aber überschaubare Ausmaße hat. Der Sohn (Elio Germano) hört aufmerksam bis gespannt zu, Terzanis Frau (Erika Pluhar) kocht meist Tee.

Dass der Journalist ein gewitzter, lebenskluger und eigensinniger Mann war, der sich nach seiner Krebs-Erkrankung als Eremit im Himalaya verkroch – man ahnt es mehr, als dass man es erfährt in diesem Film. Götz George öffnete als Totmacher Spalt für Spalt einen inneren Abgrund, in den man hineingezogen wurde. Bei Ganz bleibt’s vorwiegend beschaulich im toskanischen Herbst. Aber es sind die Landschaftsbilder Judith Kaufmanns im Verbund mit dem Thema des Sterbens und des Todes, auf das die Gespräche immer wieder zurückkommen, die dem Film dann nach und nach doch noch eine eigene Note geben. Es sind die Momente, in denen es um den Tod als Akt des Lebens geht, um das Einverständnis mit dem Kreislauf von Werden und Vergehen. Manchmal, wenn Ganz auf einem Berg hockt oder zwischen den Bäumen sitzt, kann man dieses Einssein mit der Welt sehen. Und seinen Glauben, dass die Welt sich weiterdreht, wenn er nicht mehr da ist, mit ihren scheußlichen und ihren schönen Seiten.

Volker Mazassek

Tiziano Terzani war 30 Jahre lang Spiegel-Korrespondent vorzugsweise in Asien. Als er erfuhr, dass er einen bösartigen Tumor hat, zog er sich drei Jahre in den Himalaya zurück. Vor dem Ende seines Lebens rief er seinen Sohn Folco aus New York zu sich, erzählte ihm drei Monate lang über sein Leben, seine Reisen, seine Reportagen, seine Philosophie, seine Erkenntnisse über den Zustand der Welt, seine als Eremit im Himalaya gewonnenen Erfahrungen, seine positive Auseinandersetzung mit dem Tod.

Terzani war in China jahrelang davon begeistert gewesen, wie Mao die Welt verändern wollte, wie mehr materielle Gerechtigkeit geschaffen werden sollte, wie alle Menschen auf eine gleiche gesellschaftliche Stufe gehoben werden sollten. Aber er musste erkennen, dass Mao scheiterte, dass es weiterhin Kriege gab, dass in Pol Pots Kambodscha Schreckliches passierte. Einzig und allein die Befreiung Vietnams verursachte in ihm Hochgefühle.

Alles wurde anders nach der Beschäftigung mit dem Buddhismus im Himalaya. Eine Fülle von Lebensweisheiten verbreitete Terzani. Unter anderem werden sie in einem Buch seines Sohnes Folco wiedergegeben. Und dieses Buch ist die Grundlage des Films.

Eigentlich ist es ein von ruhigen, angemessenen, schönen Toscana-Bildern begleitetes Gespräch. Terzani (Bruno Ganz) und Folco (Elio Germano) lassen „Gott und die Welt“ Revue passieren. Hört man richtig zu, kann das Gesagte bereichern.

Immer liebe- und sorgenvoll in der Nähe Terzanis Frau Angela (Erika Pluhar), selbst bekannte Autorin und Übersetzerin, aber in erster Linie Gattin.

Später kommt auch die Tochter Saskia (Andrea Oswart) mit dem Jungen Novi und dem neugeborenen Nicolo hinzu. Die Familie will beisammen sein, wenn Terzani gehen muss.

Dann ist es so weit.

Folco Terzani und Ulrich Limmer schrieben das Drehbuch, Joe Baier inszenierte. Sie leisteten glänzende Arbeit, denn man kann sich vorstellen, wie schwierig es ist, aus einem bloßen Gespräch keinen langweiligen Kinofilm zu machen. Und langweilig ist es keine Sekunde, sondern packend. Natürlich auch, weil Judith Kaufmann, die Preisgekrönte, angemessene Bilder lieferte, und Erika Pluhar sowie Andrea Oswart diskret mitagieren.

Den künstlerischen Höhepunkt des Films aber bildet zweifellos die Darstellung des Tiziano Terzani durch Bruno Ganz. Was er hier bringt, wie er dieses ganze Leben durchzieht, wie er die Erkenntnisse begreiflich macht, ist ganz einfach großartig.

Thomas Engel